Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Menschenbilder

"Der Mensch ist ein soziales Wesen"

Seinen Nächsten lieben, wie sich selbst – geht das überhaupt? Und warum wollen wir das eigentlich? Eine Podiumsdiskussion.

von Christina Spitzmüller

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! So steht es in der Bibel. Doch wie lässt sich das umsetzen?Darüber diskutierten am Freitagnachmittag bei der Podiumsdiskussion "Von Mensch zu Mensch. Beziehung zwischen Lust und Last" der Soziologe Armin Nassehi, der Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer, die Theologin Rosa Coco Schinagl und der Alterswissenschaftler Andreas Kruse im Berliner Dom.

Bauer erklärte, dass der Mensch aus Sicht der Sozialen Neurowissenschaften ein zutiefst soziales Wesen sei: Bei sozialen Interaktionen werden neuronale Systeme stimuliert, die für Motivation und Lebensfreude zuständig sind. Wenn einem Menschen Nähe und Interesse entgegengebracht werden, aktivieren sich diese Systeme. Umgekehrt verkürzt sich die Lebenszeit bei sozialer Isolation, der Lebenswille sinkt, es kommt häufig zu Depressionen.

Menschen brauchen Sorgebeziehungen

Genau dieses Phänomen sei oft bei alten Menschen zu beobachten, betonte Kruse: "Jeder Mensch will sich um andere sorgen können." Kruse hat in Experimenten mit alten und jungen Menschen herausgefunden, dass beide Seiten von solchen Freundschaften profitieren. "Menschen brauchen Sorgebeziehungen", sagte Kruse. Dabei gehe es vor allem um Austausch und ein sich kümmern können, etwas weitergeben können: "Alte Menschen haben dann oft das Gefühl, in Stück in ihrem jungen Gegenüber weiterzuleben." Wenn sie hingegen kaum noch soziale Kontakte haben, verkümmern sie, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Sie können nicht mehr am Leben teilhaben.

Laut Bauer sucht der Mensch nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Die finde er oft in Gruppen, die sich nach außen hin abgrenzen. Die Bindung innerhalb der Gruppe ist dabei sehr hoch, Fremde werden aber ausgeschlossen. Auch Nassehi bestätigte das: Gruppen hätten nach Außen oft starke Abgrenzungskräfte, einen Feind. "Das christliche Gebot zur Nächstenliebe geht aber darüber hinaus: Es meint eigentlich eine Fremdenliebe." Dabei werde die enge Gruppe aufgebrochen, das Reich Gottes erweitert. Auch Schinagl erklärte, dass aus christlicher Sicht die Liebe beim Verschwenden wachse. Sie binde den Menschen ans Göttliche. "Wenn Jesus sagt: Wer sein Leben verliert, der wird es finden, dann verstehe ich das so: Wer sein Leben, seine Liebe verschwendet, wird glücklich sein."

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