Mein Kirchentag
Interreligiöser Dialog

"Islamfeindlichkeit betrifft nicht nur Muslime"

Sitzen drei Protestanten, zwei Muslime und ein Katholik auf einem Podium und fragen sich gegenseitig: Wie hältst du es mit der Religion?

von Marlene Brey und Laura Eßlinger

Die Ablehnung des Islams zeigt sich in Deutschland deutlicher als in vielen anderen europäischen Staaten. Das geht aus einer Studie hervor, auf die die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus bei der Diskussion "Wie hältst du es mit der Religion" verweist. Über die Hälfte der Deutschen hat demnach eine negative Haltung gegenüber Muslimen. Die Religionsgruppe wird damit deutlich negativer gesehen als andere. Es bleibt aber nicht allein bei Geringschätzung. Die Statistik zeigt auch die Zunahme von Gewalttaten gegenüber Muslimen.

"Es meldet sich zur Zeit eine populistische Variante von Religionskritik, die ich in diesem Land nicht für möglich gehalten habe", konstatiert Heiner Bielefeldt. Der ehemalige Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit der Vereinten Nationen sieht Islamfeindlichkeit auf dem Vormarsch in Deutschland. In dem Diskurs hat er vor allem ein wichtiges Muster ausgemacht: Die Feindlichkeit werde im Gestus der Aufklärung vorgebracht. Das Abendland werde als modern und aufgeklärt dargestellt, während die Muslime resistent gegenüber einer Modernisierung seien. Das nennt er: "Ausgrenzung unter der Vortäuschung von Liberalität." Vor allem die Benachteiligung von Frauen werde so instrumentalisiert. "Da wird es dann kompliziert, denn Probleme wie Zwangsehen oder Homophobie sind ja real."

Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht

In der Diskussion würden oft Menschenrechte und Religionsfreiheit gegeneinander ausgespielt. Nach dem Motto: Was ist wichtiger? Religionsfreiheit ist aber ein Menschenrecht. Bielefeldt sagt, es könne nicht darum gehen, in einer Art "Modus der Selbstgerechtigkeit" gute Bilder neben schlechte zu stellen. Stattdessen müsse es um Präzision gehen. Was sind die Fakten? Was sind die Probleme? Das bedeute sehr wohl Aufklärung. "Aber Aufklärung nicht als Leitkultur des Westens, sondern als Weg."

Wie wenig Islamfeindlichkeit mit einer substantiellen Religionskritik gemein hat, weiß auch Riem Spielhaus. Die Professorin für Islamwissenschaft erklärt, dass sich Islamfeindlichkeit nicht nur gegen Musliminnen und Muslime richte. Auch Menschen, die als solche wahrgenommen werden, seien betroffen; zum Beispiel christliche Syrer oder Sikh, die aufgrund ihres Turbans für Muslime gehalten werden.

Von der Islamfeindlichkeit zur Islamkritik

Tragisch sei, dass sich Islamfeindlichkeit und Gewalt im Namen des Islam gegenseitig in die Hände spielen. Muslimen werde in der deutschen Diskussion oft pauschal unterstellt, ihre Religion sei gewalttätig. "Da heißt es dann: 'Ihr wisst doch gar nicht, was euer Islam eigentlich ist'." Eine Islamkritik, so Spielhaus, verzichte im Gegensatz zu Islamfeindlichkeit auf eine solche pauschale Abwertung von Muslimen. Auch Heiner Bielefeldt unterstützt, dass eine Religionskritik erst dann sinnvoll werde, wenn sie das Gespräch suchte. „Das heißt aber nicht, dass alle sich lieb haben müssen“, sagter.

„Franco A. hat uns auf die Todesliste gesetzt“

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek, weiß, dass die Zahl der Übergriffe auf Muslimen zugenommen hat – nicht nur aus der Statistik. Von Anspucken über Beschimpfungen bis hin zu Angriffen auf Personen und Moscheen sei alles dabei. Er bemerkt die Angst in der muslimischen Community. Dass die gerechtfertigt sei, zeige auch der Fall des Soldaten Franco A., der sich als Flüchtling ausgab. "Er hat uns auf seine Todesliste gesetzt", sagt Mazyek.

„Dass es Islamfeindlichkeit gibt, ist völlig klar. Auch ich bin davon betroffen“, bestätigt Autorin und Rechtsanwältin Seyran Ates und fügt hinzu: "Aber wir können nicht kleinreden, dass es auch Hasspredigten im Namen des Islam gab." Ates engagiert sich für einen liberalen Islam und diskutiert auf dem Podium engagiert mit dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime. Einen Satz von Mazyek können aber alle im Raum unterschreiben: "Jeder Anschlag auf eine Moschee, eine Synagoge oder eine Kirche ist ein Anschlag auf die Demokratie – auf uns alle."

Religionsfeindschaft betrifft auch Christen

Tatsächlich ist nicht nur die muslimische Gemeinde von Religionskritik betroffen. Auch Christen machen die Erfahrung, dass sie aufgrund ihrer Religiösität abgelehnt werden. Davon berichtet Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. „Wir müssen die Probleme sehen, aber unser Fokus muss darauf liegen, wie wir sie lösen“, sagt Dröge. Das bestimme, wie die Gesellschaft auf die Religionen blicke, ob man sie als Friedens- oder als Unruhestifter betrachte.

Sein sunnitischer Kollege Ahmad Mohammad al-Tayyeb habe das auf dem Kirchentag auf den Punkt gebracht: "Die Gebetsgesänge der Muezzine und die der Kirchenglocken müssen gemeinsam verkünden: Keine Gewalt im Namen der Religion." Bielefeldt ergänzt die Forderung nach mehr interreligiösem Dialog um eine Komponente: "Wir müssen nicht nur mit Menschen unterschiedlicher Religionen sprechen, sondern mit Menschen unterschiedlicher Überzeugungen, auch mit Atheisten und Agnostikern." Davon gibt es in Berlin, abseits des Geländes des Kirchentages, nämlich eine ganze Menge.

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