Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Projektduell

Gut gebrüllt, Löwe

Soziale und kirchliche Projekte wollen Gutes tun. Aber reicht Engagement allein? Wie wirtschaftlich müssen gemeinnützige Projekte sein?

von Sylvia Lundschien und Felix Sturm

Am Freitagvormittag wurde die Bühne an der St. Marienkirche am Berliner Alexanderplatz zur Höhle des Löwen. Hier kämpften im Stil der gleichnamigen TV-Sendung sechs gemeinnützige Projekte um ihren Anteil am Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro. Die Projekte aus ganz Deutschland wiesen einen großen sozialen und kirchlichen Mehrwert auf, der von der Jury kritisch hinterfragt und wirtschaftlich abgeklopft wurde. Die "Jury-Löwen" bestanden aus dem Berliner Pfarrer Tobias Kuske, der Gelsenkirchener Europa-Abgeordneten und Grünenpolitikerin Terry Reintke sowie Ulrich Bogenstätter, Leiter des Hochschulzentrums für Weiterbildung an der Hochschule Mainz. Das Gewinner-Projekt wurde per Publikumswahl ermittelt. Nach der Präsentation konnte jede und jeder mit einem roten Ball dem jeweiligen Favoriten eine Stimme geben. Wer die meisten Bälle erhielt, gewann die Projektrunde und erhielt seinen prozentualen "Löwenanteil" des Preisgeldes.

Strenge Fragen an kluge Köpfe

Zum Auftakt erinnerte Lars Charbonnier, Dozent der Führungsakademie Kirche und Diakonie Berlin, daran, dass die Projekte dazu inspirieren sollten, neue Wege in den Gemeinden zu gehen. Man dürfe sich nicht hinter einem "Das geht bei uns nicht!" verstecken. Scheitern sei erlaubt, denn nur darauf aufbauend könnten Initiativen verbessert und neu gedacht werden.

Anschließend stellten das Moderations-Team Melek Henze und Thorsten Wittke die sechs Teams vor. Nach deren Präsentation folgten die strengen Fragen der Juroren: Ist das Projekt übertragbar auf andere Gemeinden? Gibt es ein einheitliches Produktdesign? Wie können Zielgruppen erweitert werden? Kein Team wich einer Frage aus, sondern brachte Fakten, Erfahrungen und Pläne in die Diskussion mit ein.

And the winner is …

Süßes überzeugt fast jeden. Diakonin Katrin Bode aus Hildesheim freute sich über den Publikumssieg. Sie bringt bei "Torte im Park" mit Kaffee und Kuchen Menschen zusammen. Mit ihrer Gewinnsumme möchte sie einen eigenen Bollerwagen sowie weitere Kaffeekannen kaufen. Aber auch die anderen Projekte gehen nicht leer aus. Entsprechend der Stimmen aus dem Publikum erhalten sie einen Anteil am Gesamtgewinn.

 

Käse, Torte und rollende Kirchen: Das sind die sechs Projekte

Café Mahl-Zeit aus Kehl-Kork

Kehl-Kork entsandte das Team des Café Mahl-Zeit. Seit 2014 bietet das Team wöchentlich einen Mittagstisch an, bei dem sich Menschen mit und ohne Behinderung treffen. Bei den selbstgekochten Speisen treten die Menschen in Kontakt, die Tischaufstellung, der persönliche Empfang jedes einzelnen Gastes sowie die aktive Vermittlung zwischen Besucherinnen und Besuchern ließen die Gastzahlen von anfangs 20 auf nunmehr 70 steigen.

Bunte Kirche Neustadt aus Dresden

Aus Dresden-Neustadt war Peter Jost angereist. Der Stadtteil ist mit einem Durchschnittsalter von 29 Jahren ist der jüngste und geburtenstärkste Dresdens, doch auch hier bleiben viele Kirchen leer.

Jost engagiert sich in der Bunten Kirche Neustadt mit einem sechsköpfigen Team aus jungen Familien. Sie setzen sich dafür ein, die Kirche in den durch die DDR-Vergangenheit säkular geprägten Bundesländern neu erlebbar zu machen.

Torte im Park aus Hildesheim

Torte im Park hatte gemessen am Beifall einen eigenen Fan-Club mitgebracht. Diakonin Katrin Bode begeisterte mit ihrer süßen Idee. Einmal im Monat zieht Bode mit dem Bollerwagen in einen der Parks oder auf öffentliche Plätze Hildesheims. Dort verteilt sie an Vorbeigehende Kaffee und ein Stück Torte – kostenlos. "Die Einfachheit der Idee hat große Wirkung", zitiert sie einen Besucher. Das niedrigschwellige Projekt wirkt, stärkt die Kommunikation im öffentlichen Raum, in den Nachbarschaften und mit der Gemeinde.

Kirchen-Käserei aus Sindolsheim (Rosenberg)

Begeistern konnte auch die Kirchen-Käserei aus dem baden-württembergischen Sindolsheim. Das Ehepaar Krauth stellt mit einem mehrköpfigen Team aus Menschen mit und ohne Behinderung handgemachten Käse aus regionalen Zutaten her. Die kleine und professionell ausgestattete Käserei möchte zum Integrationsbetrieb werden und bestärkt andere, ihre Gaben einzubringen, nach außen zu gehen und Leidenschaft zu zeigen.

Werkkirche aus Berlin

Mit viel Leidenschaft baut auch die Werkkirche aus Berlin seit 2012 an Projekten für junge Menschen, die durch Eigenbau ein Gotteshaus neu erfahren. Wo steht der Altar oder das Taufbecken und was geschieht, wenn ich sie verrücke? Wo spricht, singt, isst man in der Kirche, wenn man den Raum ganz selbst aufbaut? Neue liturgische Formen ermutigen Jugendliche, sich aktiv einzubringen. Sie betonen eine Kirche, die sich stets erneuert und im Prozess ist. Dies zeigt sich auch im Zentrum Jugend am Askanischen Platz in Berlin, wo die Werkkirche zum Kirchentag 2017 eine Gerüstkirche errichtet hat.

Mobile Kirche aus Heinsberg

Neue Wege geht auch Pfarrer Sebastian Walde aus Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Für ihn war klar: Wenn die Menschen der Kirche fern bleiben, muss sich die Kirche zu den Menschen bewegen. Zusammen mit einem Messebauer gestaltete Walde einen Anhänger, nicht größer als eine Imbissbude, zur mobilen Kirche um. Damit besucht er Schulen und Seniorenheime, hält Gottesdienste an Orten, wo man ihn nicht erwartet. "Diese Kirche hat keine Schwelle", macht Walde deutlich. Es käme nicht auf Prunk und Domkuppeln an, wohl aber auf Praxistauglichkeit: Eine Nachbargemeinde denke jetzt über eine mobile Winterkirche mit Schneeketten nach.

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