Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Friedenspolitik

Frieden in der Welt – eine Inszenierung mit Sigmar Gabriel

Welche Rolle kann Deutschland in Sachen Weltfrieden leisten? Im City Cube spricht Sigmar Gabriel darüber mit Friedensforschern und einer Vertreterin der kenianischen Kirche. Es ist ein Stück in vier Akten.

von Paul Hildebrandt und Ivy Nortey

Vor dem Eingang des City Cubes verteilt ein Mann schwarze Plakate. "Keine Panzer für Erdogan!", steht darauf. Er bittet die Zuschauer, sie bei Gabriels Auftritt hoch zu halten. In der großen Halle verteilen Aktivistinnen und Aktivisten weiße Zettel. "Darüber wird heute abgestimmt", sagt ein Mann. Eine Frau verweigert die Annahme des Zettels und erwidert: "Wir stimmen hier über gar nichts ab." Es geht um eine Resolution zur Ächtung von Atomwaffen.

1. Akt: Gabriel tritt auf, er hält eine markige Wahlkampfrede und spricht auch über Krieg und Frieden.

Eine Band spielt Jazz. Corinna Hauswedel vom "Think-Tank der EKD" steht am Pult und eröffnet die Veranstaltung. Sigmar Gabriel betritt die Bühne. Er lächelt.

Gabriel: Sie halten freundlicherweise ein Schild hoch: Keine Panzer für Erdogan. Das finde ich auch.

(Applaus)

Gabriel: Aber warum zeigen Sie die eigentlich mir. Warum haben Sie die nicht bei der Veranstaltung mit Obama an Frau Merkel übergeben?

(Applaus, Zwischenrufe)

Gabriel: Sie sagen, ich soll keinen Wahlkampf machen. Aber ich bin für diese Probleme nicht verantwortlich - es ist mein Koalitionspartner, den ich sonst sehr schätze: Die Koalition aus CDU/CSU. Also trauen Sie sich auch, zu denen zu gehen und ihnen die Leviten zu lesen.

(Applaus)

Gabriel plaudert über seine Anfänge als Politiker. Er lehnt sich auf das Pult und erzählt von Helmut Schmidt. Dann kommt er wieder zur Sache:

Gabriel: Am Vormittag den Frieden feiern und am Nachmittag das Wort "Abrüstung" nicht zu erwähnen – das geht nicht. Wir sind weltweit in einer gewaltigen Aufrüstungsspirale. Gerade erst hat Donald Trump einen Waffendeal mit Saudi-Arabien beschlossen. Was für ein verheerendes Signal: Nicht ein Angebot zur Abrüstung machen, sondern zur massiven Aufrüstung.

(Applaus)

Gabriel: Es sind schwierige Zeiten. Ich muss mich mit den Amerikanern über zwei Prozent mehr Rüstungsausgaben streiten. Dabei erleben wir, wenn wir in die Krisensituationen dieser Welt fahren, dass die Leute sagen: Waffen schaffen keinen Frieden. Deshalb: Es kann keinen Frieden nur durch Militär geben, wir brauchen mehr Entwicklungshilfe. Das Problem ist, dass keiner darüber redet - außer auf dem Kirchentag.

(Lauter Applaus)

Gabriel plaudert über Fußball und Familie...

Gabriel: Aber jetzt zum Ernst der Sache. Wir brauchen ein echtes Gesetz zur Rüstungskontrolle, wir brauchen eine echte öffentliche Debatte.

(Applaus)

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Gabriel tritt ab. Es wurden während seiner Rede nur zwei Plakate hoch gehalten.

2. Akt: Es soll jetzt diskutiert werden. Die Teilnehmenden fordern mehr Abrüstung

Diskussionsteilnehmer setzen sich aufs Podium. Agnes Aboum vom Nationalen Kirchenrat Kenia tritt ans Pult.

Aboum: Warum muss die deutsche Bevölkerung Verantwortung übernehmen? Nur wegen ihrer Barmherzigkeit? Nein. Als große Militär- und Wirtschaftsnation haben Sie eine moralische und ethische Verantwortung.

(Applaus)

Aboum: Alle Waffen töten Leben. Frieden sollte nicht an den mächtigen Nationen hängen, sondern an allen Menschen dieser Welt. Wir teilen einen gemeinsamen Planeten. Die Ressourcen werden von einem Prozent der Bevölkerung beherrscht. Die deutsche Außenpolitik ist in der Verantwortung, Menschen zu schützen. Ich fordere: Frieden mit Gerechtigkeit. Stoppt Militarisierung! Stoppt die Aufrüstung! Stoppt die Macht des Todes! Lassen Sie ihre Politik leiten, von der Leidenschaft für den Frieden und das Gebet.

(Applaus)

Auftritt Nicole Deitehloff, Friedens- und Konfliktforscherin; Leiterin des Leibniz-Insituts.

Deitelhoff zu Gabriel: Sie haben Recht. Wir müssen es schaffen, über Abrüstung wieder gemeinsam zu diskutieren.

Eine Stimme aus dem Publikumm: Lauter, lauter!

Nicole Deitelhoff: Bin ich zu leise? Das kann gar nicht sein.

Sie fährt fort, ohne Tempo und Lautstärke zu ändern.

Deitelhoff: Unsere Grundrechte sind momentan dauernden Angriffen ausgesetzt. Mit Donald Trump und Anderen haben wir Politiker, die eine Abkehr von multilateralen Institutionen wollen. Dabei müssen wir die grade jetzt stärken. Auch wenn das unter Bündnispartnern vielleicht für Unruhen sorgt, müssen wir Prioritäten setzen. Diese Verantwortung mag nicht sofort sichtbar sein. Auf lange Sicht ist sie effektiver.

(Applaus)

Auftritt Rehnke Brahms, Vertreter der EKD

Brahms: Liebe Schwestern und Brüder, zur Wiederherstellung eines nachhaltigen Friedens vertrete ich den Grundsatz: wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.

Die Bundesrepublik und das Außenministerium sagen zu Recht, dass wir mit den Instrumenten der zivilen Konfliktbearbeitung in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal haben. Dieses zu stärken, darin sehe ich unsere Hauptaufgabe. Aber wann können wir mit den Leitlinien dafür rechnen?

Außerdem glaube ich: In den Religionen liegt eine große Kraft für den Frieden. Religiöse Vertreter müssen aktiv in den Friedensprozess eingebunden werden.

(Applaus und Jubeln)

3. Akt: Gabriel diskutiert auf dem Podium mit den Friedensforschern.

Die Moderatorin leitet die Schweigeminute in Gedenken an auf der Flucht umgekommene Menschen ein. Das Publikum steht auf. Nach einer halben Minute beendet sie das Schweigen und lädt Sigmar Gabriel auf die Bühne.

Gabriel: Es gibt wenig andere Länder, die sich so für Frieden engagieren wie Deutschland. Was wir brauchen, sind mehr Bündnispartner in Europa. Wir müssen unsere eigene Idee von Sicherheit entwickeln und nicht immer nur auf die USA schauen. Man muss die Amerikaner aber auch verstehen. Sie sagen: Die Europäer sind wirtschaftlich so stark wie die USA, aber haben nur einen Bruchteil der Rüstungsausgaben. Wir brauchen ein neues Konzept von Sicherheitspolitik. Dazu gehört auch der wirtschaftliche Aufbau in Krisenregionen, der den Menschen Hoffnung gibt.

Gabriel hält eine weitere Rede, sitzend. Er schimpft über die Union, dann streitet er mit Deitelhoff über den Sicherheitsbegriff. Sie werden sich nicht einig. Dann bekommt Deitelhoff das Wort.

Deitelhoff: Die Europäische Union muss Einigkeit beweisen, zum Beispiel in der Flüchtlingspolitik.Wir müssen da eine rote Linie ziehen.

Gabriel: Toll und ich muss das dann umsetzen. Sollen wir Ungarn und die Türkei jetzt einfach ausschließen?

(Applaus)

Im nächsten Leben entscheide ich mich auch für den einfachen Beruf des Wissenschaftlers.

Gabriel redet über Europa und die Flüchtlingspolitik. Es gibt viel Applaus. Anschließend bekommt Brahms das Wort.

Brahms: Ich möchte gerne darüber reden, wie man präventiv arbeiten kann. Zum Beispiel Westsahara: Bis heute ist das versprochene Referendum dort nicht durchgeführt worden. Wenn wir noch länger warten, dann radikalisiert sich die Jugend. So einen Konflikt könnte man mit diplomatischen Mitteln angehen – präventiv also.

Gabriel: In der Westsahara machen wir genau das, was sie von uns wollen. Wir werden Horst Köhler als Sonderbeauftragten ernennen. Der ist ein super Afrika-Experte. Aber dafür brauchen wir eben auch Marokko, ein einseitiges Referendum bringt uns nichts.

Gabriel redet über die UN. Er fordert eine stärkere Institutionalisierung.

4. Akt: Vier Fragen aus dem Publikum werden vorgelesen.

Alle Teilnehmenden sind sich einig: Dass man Nationalstaaten braucht zum Beispiel und, dass Europa ein tolles Friedensprojekt ist – wenn alle Staaten mitmachen. Eine Petition wird überreicht. Es gibt wieder Applaus. Fotografen machen Fotos von der Gruppe, dann treten alle ab. Musik.

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.