Mein Kirchentag
#FluchtGedenken

'Da ist jemand unterwegs, der weiß nicht, ob er ankommt'

Darf man ein Fest der Begegnung feiern, während Menschen auf der Flucht ums Überleben kämpfen? Man darf – aber es ist eine Pflicht, wach zu sein, zu helfen und laut darauf hinzuweisen, dass sich etwas verändern muss. Die Kampagne #FluchtGedenken bezog heute Stellung gegen das Sterben an Europas Außengrenzen.

von Larissa Kirchmair, Greta Longariva, Martin Heppke, Stefan Demetz und Julia Plothe

Das Jugenddorf hat sie für die heutige Veranstaltung verlassen - Simone Enthöfer, Landesjugendpfarrerin der evangelischen Kirche Rheinland, ist beim #FluchtGedenken vor dem Berliner Hauptbahnhof nicht als Ausrichtende, sondern als Besucherin: „Ich bin gekommen, um als Mensch unter Menschen zu stehen und mich meiner Verantwortung zu erinnern“, sagt sie. Die Verantwortung, die sie meint, wird auch von den Redenden auf der Bühne beschworen. Theresa Leisegang von Sea-Watch berichtet von ihrem wenige Tage zurückliegenden Einsatz auf dem Mittelmeer, thematisiert die Unterstützungszahlungen für die libysche Armee, die „lange schon kein Helfer mehr sei“. Die Stimmen sind kritisch hier auf dem Washingtonplatz, der sich gegen halb zwölf am Freitagvormittag zunehmend mit Menschen füllt. Aber nicht nur politische Töne werden angeschlagen; die A-Capella-Gruppe ONAIR und Judy Baileys mit ihrer Band setzen musikalische Kontrapunkte zu den Erfahrungsberichten der Referierenden. Mit Gesang, Gebet und Fürbitten folgt die Veranstaltung #FluchtGedenken unter Schirmherrschaft von Dr. Gesine Schwan einer Liturgie – und bietet Zeit, innezuhalten. Die Sonne strahlt auf Familien mit Kindern, Gruppen junger und älterer Menschen, einzeln und in Familie. Einige können die Tränen nicht zurückhalten. „Ich bin hier, um aufmerksam zu machen – mehr bleibt nicht zu sagen“, sagt Frank Hahn. Wach für die Welt außerhalb des eigenen Alltages zu sein, das gehört für ihn genauso dazu wie zu helfen. „Nicht wegschauen, wenn jemand Fremdes einem entgegenkommt“, so fasst Christine Neudeck aus Troisdorf es zusammen. „Wir sollten nicht auf unsere Ohnmacht blicken, sondern auf unsere Kraft“, fordert die Gründerin des Komitees Cap Anamur, das bereits seit 1979 Flüchtlingsarbeit leistet.

Hilfe zur Verfügung stellen, so wie es jedem einzelnen möglich ist, sich nicht in der Nachrichtenflut einrichten, das wünschen sich die Besucher zum Umgang mit den Geflüchteten, die in Deutschland ankommen. „Das ist zentrales Wesen unserer Kirche“, meint auch Jens Peter Iven, Mitarbeiter der Projektleitung Open Air des Kirchentages und Pressesprecher der evangelischen Kirche im Rheinland. Er appelliert: „Da ist jemand unterwegs, der weiß nicht, ob er ankommt. Dass wir uns dieses Elend für teuer Geld vom Hals halten, ist skandalös – das kann nicht sein. Das müssen wir sichtbar und hörbar machen. Dafür sind wir hier.“

 

 

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