Mein Kirchentag
Großscheich aus Kairo zu Gast

Dialog über Toleranz im Angesicht des Terrors

Wie schaffen wir Frieden zwischen Christen, Muslimen und islamistischen Fundamentalisten? Der neuerliche Terroranschlag auf koptische Christen in Ägypten verlieh dem Dialog zwischen Bundesinnenminister Thomas de Maizière und dem Kairoer Gelehrten Großscheich Ahmad al-Tayyeb rund um die Fragen eines friedlichen Zusammenlebens zusätzliche, traurige Brisanz.

von Ann-Kahtrin Jeske

„Dieser Terror richtet sich nicht allein gegen Christen, sondern gegen den Staat. Diese Menschen wollen die politische Stabilität in Ägypten erschüttern“, versuchte der ägyptische Geistliche Ahmad al-Tayyeb den Terroranschlag auf Christen einzuordnen. Gewalt von Muslimen gegen Christen sei in der Geschichte immer die Ausnahme gewesen, hatte er wenige Minuten zuvor gesagt. Doch wenn Menschen sinnlos sterben, kann die Geschichte nicht trösten. Die Betroffenheit über das Attentat während der Veranstaltung überschattete die sorgfältig gewählten Formulierungen des moderaten sunnitischen Geistlichen. In der Messehalle hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

„Solche Ereignisse bekommen oft so eine Note, als wäre das ein Konflikt zwischen Christen und Muslimen in Ägypten, aber kein Ägypter sympathisiert mit solchen Taten“, sagte al-Tayyeb. Das Publikum reagiert respektvoll mit Applaus, der aber leiser ausfällt als der tosende Beifall, den der Islamgelehrte kaum eine Stunde zuvor geerntet hatte. „Ich möchte alle Terroranschläge dieser Welt verurteilen, insbesondere den letzten von Manchester“, hatte al-Tayyeb seine Rede auf dem Kirchentag begonnen.

Großer Hoffnungsträger

Der moderate Islamgelehrte ist der wohl größte Hoffnungsträger im christlich-muslimischen Dialog. Es sei eines der größten Hoffnungszeichen des Kirchentags, dass al-Tayyeb der Einladung gefolgt ist, merkte Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au dankbar an. Der Geistliche hat in Ägypten nicht nur den Status des Ministerpräsidenten, sondern ist auch das Oberhaupt der Al-Azhar Universität und der vielleicht wichtigste sunnitische Islamgelehrte. Seine Universität tritt nicht nur in Ägypten für eine moderate Auslegung des Islam ein und lehnt einen politischen Islam ab. Das Vorzeigeprojekt von Al-Azhar: Elf Beobachtungsstellen der Universität entlarven in der ganzen Welt Terroristen, die den Koran gewaltverherrlichend auslegen und kontern mit einer gewaltfreien Auslegung der Koranverse. Von dieser Kompetenz soll auch Deutschland profitieren: Zur Schulung von Imamen aus Deutschland strebt de Maizière eine Kooperation mit al-Azhar an.

Die Diskussionsrunde zeigte ziemlich genau, welchen Herausforderungen der christlich-muslimische Dialog derzeit gegenüber steht. Während al-Tayyeb auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag den Frieden zwischen den Religionen predigt, wird der neue Anschlag zur Herausforderung für Vertrauen und Glaubwürdigkeit. „Die Auswirkungen mangelnder Toleranz innerhalb der Muslime spüren wir auch politisch. Toleranz ist deshalb nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Sie beginnt erst da, wo ich etwas dulden muss, was mich wirklich stört und bedeutet andererseits, den Feinden der Toleranz ihre Grenzen aufzuzeigen“, erklärte der Bundesinnenminister Thomas de Maizière auf der Veranstaltung. Dazu gehöre es auch, sich respektvoll zu streiten. Wer den Feinden der Toleranz zu viel Freiheit einräume, dürfe sich nicht wundern, wenn sie eines Tages an die Macht gelangten.

Zu den hohen Sicherheitsvorkehrungen gehörten neben Taschenkontrollen auch der Einsatz von Smartphone-Kameras: Sicherheitspersonal filmte alle, die sich in der Nähe von al-Tayyeb und de Maizière aufhielten.

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