Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Bibelarbeit

Der Feigling hat das große Los gezogen

Jakob und Esau versöhnen sich. Sibylle Lewitscharoff und Petra Bahr widmeten sich den schwarzen Löchern hinter den Sätzen der Bibelstelle.

von Anne Tilkorn

"Die Bibel ist kein literarischer Text", sagt die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. Deshalb könne man ihre schwarzen Löcher interpretieren. Bei Thomas Manns Roman "Joseph und seine Brüder" gebe es die nicht.

Und sie legen los: Petra Bahr, Landessuperintendentin aus Hannover, meint, die Geschichte des letzten Treffens von Jakob und Esau ende ja anders, als es der Kirchentag doch eigentlich gerne hätte. Die beiden liegen sich nicht für immer in den Armen. Sibylle Lewitscharoff ist da ganz abgeklärt: "Ja, sie trennen sich. Menschlich gesehen ist es plausibel. Sie tragen die Versöhnung als Glanzmoment im Herzen. Dieser Glanz würde durchs Zusammenbleiben nur getrübt."

Reizvoll ist an dieser Dialog-Bibelarbeit, wie das Schwäbische und das Hochdeutsche zueinander finden. "Der Esau isch des Äffle, so behaart und so stark, a ganzer Kerle", bei der Schriftstellerin kommt der Heimatdialekt durch. "Und was machmer jetzt?" fragt sie, als sich beide plötzlich einig sind. Da passt es ganz gut, dass die evangelische Theologin aus Norddeutschland auch einen journalistischen Hintergrund hat und geübt darin ist, immer weiter Fragen zu stellen.

Wegkommen von Mord und Totschlag

Lewitscharoff ist am wichtigsten, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen Bibel und Mythologie gebe. Die Bibel habe eine absolut zivilisatorische Kraft. Sie versuche Wegzukommen von Mord und Totschlag: Kain, der zwar selbst noch Mörder ist, wird selbst nicht wiederum getötet. Joseph vergibt seinen Brüdern, die ihn in den Brunnen gesteckt hatten. Und hier rächt sich Esau nicht an Jakob, sondern umarmt und küsst ihn.

"In der Mythologie ist immer der Schlachtenmensch der Größte, der stolze Krieger. Die Bibel hat einen anderen Blick auf den Menschen. Sie sieht ihn in seinen Verstrickungen, in seinem Hader. Bei Esau und Jakob hat der Feigling das große Los gezogen und der starke Kämpfer verschwindet danach für immer und taucht nie wieder auf."

Mit dem, was ihr tägliches Brot ist, mit der Klarheit der Sprache, gelingt es der Schriftstellerin, auf packende Weise die biblische Kraft herauszuarbeiten und dieses andere Menschenverständnis der Bibel sichtbar zu machen. Nirgendwo in der Mythologie tauche das Bruch- und Ereignishafte des Menschen auf. Esau trage die Versöhnung als Glanzmoment im Herzen, jetzt sei er als der Verzeihende der wirklich Große.

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