Mein Kirchentag
Bibelarbeit Steffensky

"Täter sind gegen Vergebung wehrlos"

In unser digitalen Welt wird alles gespeichert und kann aufgerechnet werden. Da bleibt wenig Raum für Vergebung. Der Theologe Fulbert Steffensky zeigt im Berliner Dom, wie sie trotzdem entstehen kann.

von Shea Westhoff

Jakob, ein Lügner, ein Schlitzohr, ein Mann, der seinen arglosen, blinden Vater überlistet und seinen Bruder Esau betrügt. Von ihm handelt der Bibeltext am Freitag. „Ich gestehe, ich weiß mit der Jakobsgeschichte nichts anzufangen“, sagt Fulbert Steffensky zu Beginn seiner Bibelarbeit. „Was soll ich an Jakob lieben?“ Genau deswegen aber eignet sich die Geschichte so gut: Es geht um Gnade und Vergebung – gerade, wenn sie schwer fällt. Und es ist eine Herausforderung, Sympathien für diesen Jakob aufzubringen. Gott verzeiht ihm trotzdem: „Ich will dich nicht verlassen“, spricht er Jakob zu. Und auch sein älterer Bruder Esau begnadigt ihn nach vielen Jahren.

Keine negative Eitelkeit

Auch wenn Fulbert Steffensky nicht jünger wird, die Gedanken des 83-Jährigen sind nach wie vor treffsicher. Seine Bibelarbeit zeigt, dass Kirche nach wie vor politisch sein kann, indem sie gesellschaftliche Debatten auf eine neue Ebene bringt. Die Kirchentags-Besucher schätzen ihn dafür und so reicht die Menschenschlange vor dem Berliner Dom am Freitagmorgen bis über die Spreebrücke. Gekommen sind auch einige Prominente, in der ersten Reihe sitzt Wolfgang Thierse, der ehemalige Bundestagspräsident und lauscht Steffensky's Gedanken zu 1. Mose 33, 1-17.

Jakob hat Vergebung erfahren. „Er lernt, dass er nichts vorzuweisen hat“, sagt Steffensky. „Der Schlaukopf verliert seine Schläue. Er steht zu seiner Bedürftigkeit.“ Das bedeute auch, sich selbst vergeben zu können und sich trotz seiner Schwächen zu belächeln. Das falle manchen Menschen schwer. Versagen verfolge sie ein Leben lang. „Es gibt diese negative Eitelkeit“, sagt Steffensky – die eigene Schuld wird dann überhöht und alle Wege, sich selbst zu verzeihen, werden dadurch verbaut. Aber es sei eben auch Gnade, kein Urteil über sich selbst sprechen zu müssen.

Und anderen zu vergeben? Steffensky erzählt von der zehnjährigen Eva Moses Kor, die zusammen mit ihrer Schwester die grausame Zwillingsforschung des Nazi-Mediziners Josef Mengele in Ausschwitz erleiden musste. Siebzig Jahre später wurde dem KZ-Aufseher Oskar Gröning der Prozess gemacht. Eva Moses Kor legte ihm den Arm um die Schulter, sie vergab ihm – aber sie vergab ihm nicht, weil er es verdiente, wie sie später sagte, sondern weil sie es selbst verdient hatte. So wechselt die Macht vom Täter zum Opfer und dagegen kann sich kein Täter wehren.

Eine großmütige Gesellschaft kann vergeben

Aber eine Gesellschaft muss Reue und Vergebung auch ermöglichen. Steffensky nennt in dem Zusammenhang die 2011 verstorbene Autorin Christa Wolf sowie den vor kurzem zurückgetretenen Staatssekretär der Berliner Landesregierung Andrej Holm. Beiden schlug rasende Empörung aus der Politik und der Bevölkerung entgegen, als Verstrickungen mit der DDR-Staatssicherheit bekannt wurden. „Den Großmut einer Gesellschaft erkennt man daran, dass sie die Güte und Souveränität hat, niemandem die Zukunft zu nehmen“, sagt Steffensky. Er spüre in der oft wegen Kleinigkeiten keifenden Gesellschaft den Geist, immer die Vergangenheit vorzurechnen - unabhängig davon, ob Menschen ihre Fehler selber offenlegen oder ob sie überführt werden. "Was ist das für eine Gesellschaft, in der man vernichtet wird, sobald man Schuld bekennt?“, fragt Steffensky.

Das Leben ist voller Widersprüche, offener Fragen und letztlich Leid. Der Schritt zu einer Versöhnung scheint so manchmal unmöglich. „Es ist nicht nur die Schuld von Menschen, wenn sie nicht beieinander wohnen können, es ist auch Tragik“, meint der Theologe Steffensky. „Manchmal ist das Lebensland zu klein, das Menschen miteinander haben.“ Dann hilft nur der Kompromiss auseinanderzugehen, damit man Brüder und Schwestern bleiben kann.

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