Mein Kirchentag
Bibelarbeit

Versöhnung: Die große Kraft kleiner Gesten

Was bedeutet Versöhnung für die Politik, für das gesellschaftliche Miteinander? Sie beginne mit kleinen Gesten, brauche Geduld und habe viele Facetten, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere in einer Bibelarbeit.

von Rolf Masselink

Seine Bibelarbeit über die Geschichte vom Wiedersehen der beiden zerstrittenen Brüder Jakob und Esau aus dem ersten Buch Moses (1 Mose 33,-17) begann der CDU-Politiker mit einer von Theologen immer wieder diskutierten Frage: War das, was auf den ersten Blick wie eine wunderbare Beilegung eines Streits nach 20 Jahre Hass aussieht, wirklich eine Versöhnung? Schon die Sprache macht stutzig: "Esau versöhnt sich mit Jakob" heißt es in einer Bibelübersetzung, "Jakob mit Esau" in einer anderen. "Nirgendwo steht: Jakob und Esau versöhnen sich", stellte de Maiziere fest und fragte: "Ist das ein Unterschied?"

Die beiden Söhne Isaaks sind zerstritten, seit Jakob, der Jüngere, sich von Esau im Tausch gegen ein Linsengericht die wichtigen Rechte des Erstgeborenen erschwindelt hatte. Jetzt, 20 Jahre später, treffen sie sich wieder. Schon vor dem ersten Wort zeigen ihre Gesten: Hass und Rachegelüste sind verflogen, beide wollen sich offenbar versöhnen. Aber beide, so Maizières Erkenntnis, machen es irgendwie falsch. Esau, der Betrogene, nennt Jakob "Bruder", zögert, seine Geschenke anzunehmen, will mit Jakob und seinem Gefolge weiterziehen. Jakob hingegen geht taktisch vor: Er macht große Gesten der Unterwerfung, bietet großzügige Geschenke an, nennt seinen Bruder den "Herrn" – und bleibt dabei so vorsichtig wie distanziert. Dem Angebot, zusammen weiterzuziehen, weicht er aus, geht am Ende allein seiner Wege. Hat er Esau abermals überlistet?

"Ich bin kein Theologe", sagt de Maiziere, der neben seiner politischen Arbeit seit vielen Jahren auch dem Kirchentag eng verbunden ist. Was nimmt er aus dieser Geschichte mit?

Mehr als Konfliktbeilegung

"Die bittersten Konflikte entspringen aus Nähe", sagt er aus politischer Erfahrung. "Und Versöhnung beginnt oft nicht mit einem Gespräch, sondern viel früher: mit einer Geste." Gesten, kleine Gesten zumal, seien so wichtig. "Sie treiben leichter Risse in die Mauern des Schweigens", so der Minister. Sein Rat: Am Beginn einer Versöhnung Zurückhaltung üben. Versöhnung brauche Zeit und Geduld. Die ganz großen Gesten können leicht überfordern, zumal sie oft inszeniert und unaufrichtig wirken.

"Für mich ist das eine Geschichte, die Fragen stellt – auch politische", so de Maizière. "Vielleicht verlangen wir oft zu viel von einer Versöhnung." Versöhnung sei eben mehr als Konfliktbeilegung. Und wer von Anfang an zu hohe Erwartungen in eine Versöhnung setze, bekomme am Ende womöglich nicht einmal einen Waffenstillstand. Aber die Geschichte zeige, dass auch ein gewaltfreies Nebeneinander, eine friedliche Koexistenz, ein Fortschritt auf dem Weg zum Miteinander sein könne.

In der Politik seinen wirklich große Gesten selten. Willy Brandts Kniefall von Warschau und der Händedruck von Helmut Kohl und François Mitterand an den Gräbern von Verdun seien solche Gesten gewesen. Aber beide waren nicht geplant, sondern spontan entstanden als Zeichen des echten Willens zur Versöhnung – und ihnen seien Taten gefolgt.

Was wir heute als Erinnerungskultur pflegen, sei etwas anderes, warnte de Maiziere. Die echte Versöhnung sei Sache derer, die unmittelbar an der Entstehung des Streits beteiligt waren.

De Maizieres Fazit klingt wie eine Handlungsanweisung für die internationale Friedenspolitik: Überlassen wir die Versöhnung den Handelnden. Versuchen wir nicht, uns zum Schiedsrichter zu machen. Überfrachten wir Versuche einer versöhnenden Annäherung nicht mit zu hohen Ansprüchen. Und lassen wir in der Politik den Worten auch Taten folgen. Dann, so de Maiziere, "können wir hoffen auf viele Facetten von Versöhnung".

Bundesinnenminister Thomas de Maiziére thematisierte in seiner Bibelarbeit die Geschichte vom Wiedersehen der beiden zerstrittenen Brüder Jakob und Esau aus dem ersten Buch Moses.

Scheich Ahad al-Tayyeb predigte den Zusammenhalt und friedlichen Dialog unter den Religionen.

Toleranz beginne erst da, wo man etwas dulden müsse, was einem selbst nicht gefällt, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maiziére.

Kirchentagspräsidentin Christina aus der Au (rechts) war während des Gesprächs mit Bundesinnenminister Thomas de Maiziére und dem Islamgelehrten Ahmad al-Tayyeb anwesend.

Bundesinnenminister Thomas de Maiziére, Scheich Ahmad al-Tayyeb und Christina aus der Au vor dem Gespräch.

Das Sicherheitspersonal von Ahmad al Tayyeb zeichnete mit dem Smartphone auf, wer sich in er Nähe des Scheichs aufhielt.

Die Nachricht eines Terroranschlags auf koptische Christen in Ägypten kam während des Dialogs des Bundesinnenministers Thomas de Maizière und des Kairoer Gelehrten Großscheich Ahmad al-Tayyeb.

Die Zuschauer konnten sich die deutsche Übersetzung der Rede Ahmad al-Tayyebs über Kopfhörer anhören.

Während des Dialogs konnten Teilnehmende ihre Fragen und Ansichten auf Zettel schreiben und später darüber diskutieren.

Den Feinden der Toleranz Grenzen aufzeigen - dazu gehöre auch, sich respektvoll zu streiten, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maiziére.

Der Kairoer Gelehrte Großscheich Ahmad al-Tayyeb sagte, der Terror gegen Christen in Ägypten richte sich nicht allein gegen Christen, sondern habe insbesondere politische Instabilität zum Ziel.

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