Mein Kirchentag
Bibelarbeit

Das Geheimnis der Vergebung

Wer vergibt, führt bessere Beziehungen – zu anderen und zu Gott. Dessen ist sich das Ehepaar Schneider sicher.

von Birte Mensing

Der Morgennebel hängt noch über dem Gendarmenmarkt. "Um 11 Uhr wird das Wetter besser, verspricht die Wetter-App meiner Frau", scherzt Nikolaus Schneider. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und die pensionierte Religionslehrerin meditieren gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern über Vergebung.

Das Ehepaar erzählt eine Vergebungsgeschichte von heute, die sie aus einem Film kennen: Philomena ist im Irland der 40er Jahre aufgewachsen und ungewollt schwanger geworden. Sie wird in ein Kloster gegeben, ihr Kind wird ihr weggenommen und nach Amerika verkauft. Als sie Jahre später versucht, ihren Sohn zu finden, entdeckt sie sein Grab im Klosterhof. Er hatte im Erwachsenenalter versucht sie zu finden und hat sich im Kloster begraben lassen, in der Hoffnung, dass seine Mutter das Grab finden würde. Als sie wieder ins Kloster kommt, trifft sie auf die Nonne, die damals für Philomena verantwortlich war. In der Schlussszene sagt Philomena: "Ich möchte, dass sie wissen, dass ich ihnen vergebe."

Vergebung ist für Nikolaus Schneider kein logisches Handeln, eher ein Geheimnis. Wer vergibt, verzichtet auf Rache und Hassgefühle und löst sich so aus den Fesseln des Unglücks. Eine heilsame Beziehung zu sich selbst und zu Gott könne dann wachsen. Eine heilsame Beziehung zum anderen Menschen könne aber erst wachsen, wenn die andere Seite einsieht, dass sie einen Fehler gemacht hat. Und demütig ist. So wie Jakob in der Bibelgeschichte im Ersten Buch Mose in Kapitel 33.

Erst hatte Jakob seinen Bruder Esau um das Erstgeborenenrecht gebracht, sich dann beim Vater den Segen erschlichen und musste dann fliehen. Jahre später will er sich mit seinem Brüder aussöhnen, zieht mit seiner Familie zurück Richtung Heimat. Unterwegs passiert dann das Entscheidende: In der Nacht ringt er mit Gott, wird vom überheblichen Jakob zum demütigen. Als sich die Brüder dann treffen, merkt auch Esau: Jakob hat sich gewandelt, "zu einem Menschen, der sich selbst erniedrigen und mit Worten und Gesten um Vergebung bitten kann". Und dann steht die Beziehung der Brüder auf einmal in direkten Zusammenhang mit ihrer Gottesbeziehung.

Und das gibt Anne Schneider den Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg: "Die Begegnungen mit Gott, die uns verändern, sind nicht unterwürfig. Sie passieren im Kämpfen mit Gott, im Zweifeln." Dieser Zusammenhang zwischen Macht und Liebe ist schwierig. Aber, und damit schließt Nikolaus Schneider, Gott nimmt selbst Leid auf sich, um den Menschen nahe zu sein. Er verzichtet auf seine Macht. "Das ist mir eine Kraftquelle für mein vergebendes Handeln."

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.