Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Podienreihe

Weiter wachsen, aber anders

Weiteres Wirtschaftswachstum ist nötig, aber es muss anders definiert und anders gestaltet werden. Mit diesem überraschend einmütigen Fazit endete ein Kirchentags-Podium beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI).

von Rolf Masselink

So oft und bei so vielen Kirchentagen wurde schon trefflich gestritten über Sinn oder Unsinn ständigen Wachstums, über Ressourcenverbrauch und Klimakatastrophe, über das Leben der Industriestaaten auf Kosten der armen und ärmsten Länder der Welt. Doch diesmal war – trotz deutlicher Unterschiede in Standpunkt und Blickwinkel – das Fazit der Diskussion überraschend einmütig: Ganz ohne weiteres wirtschaftliches Wachstum werde es auch in Zukunft nicht gehen. Darin stimmten Andreas Barner, Vorstandsmitglied des Deutschen Evangelischen Kirchentages und Vorstandsmitglied des BDI, der Unternehmer Hans-Toni Junius (C.D. Wälzholz, Hagen), die CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzendes des Bundes katholischer Unternehmer, Marie-Luise Dött, und der EKD-Umweltbeauftragte und Wirtschaftsforscher Hans Diefenbacher überein.

Wirtschaftliche Prosperität sichere Arbeitsplätze und Innovationskraft, stellte der Mittelständler Hans-Toni Junius heraus. Das gelte insbesondere für die mittelständischen Unternehmen, die breite Basis der deutschen Wirtschaft. Sie könnten nur auf sicherer wirtschaftlicher Basis die Innovationen entwickeln, die etwa zur Verbesserung der Umweltbilanz, zum Klimaschutz, aber auch zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen gebraucht würden. „Deutschland als Exportweltmeister muss diese sauberen Technoligen in die Welt hinaustragen.“ Aber Deutschland könne seinen Beitrag „nur leisten, wenn unsere soziale Marktwirtschaft funktioniert“.

Dass wirtschaftliches Wachstum weltweit zu weniger Armut und besseren Lebensbedingungen führt, verdeutlichte Andreas Barner am Beispiel China. Eine andere Frage sei, wie dieses Wachstum gestaltet werden muss.

Marie-Luise Dött sieht Deutschland bei den Klimazielen und bei der Ressourceneffizienz ganz weit vorn. Es gebe aber „Abgrenzungsprobleme“: Welche praktischen Auswirkungen hat etwa der Klimavertrag von Paris für einzelne Unternehmen? Das seien sehr komplexe Fragen. Die düsteren Voraussagen des „Club of Rome“ seien jedenfalls nicht eingetroffen, stellte Marie-Luise Dött fest. „Die Zahlen stimmen einfach nicht.“

Warum stimmen sie nicht? Weil es inzwischen Anpassungsprozesse gegeben habe, die zu veränderter Nachfrage etwa nach bestimmten Rohstoffen geführt hätten, so Hans Diefenbacher. Wirtschaftliches Wachstum werde aber immer noch gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) – einer abstrakten Datensammlung, die wenig über Qualität und Auswirkungen von Wachstum aussage. „Jeder Unfall steigert das Bruttoinlandsprodukt, weil Gesundheitsbranche und Autowerkstätten dadurch mehr Umsatz machen“, so Diefenbacher. Die Welt brauche nicht Wachstum, sondern das richtige Wachstum.

Diefenbach forderte ein Umsteuern in Richtung Nachhaltigkeit. Das habe begonnen, dauere aber zu lange. Dieses Umsteuern erfordere einen „Doppelprozess“: Unnötiges weglassen und endlich die Umweltfolgen der Produktion in die Preiskalkulation einzubeziehen. Die Forderung von Marie-Luise Dött, dass Politik sich möglichst wenig einmischen sollte, wies er zurück. Wachstum, das allen zugute kommen soll, benötige politische Rahmenbedingungen.

Einig waren sich die Podiumsteilnehmer in ihrer Sorge, dass trotz guter Wirtschaftsdaten immer mehr Menschen von dieser Entwicklung abgehängt werden. „Da stimmt etwas nicht“ stellte Hans-Toni Junius fest. Wie auch Andreas Barner sieht er hier die Politik gefragt.

„Es hat sich etwas verändert“, fasste die Wirtschaftsjournalistin und Moderatorin des Abends Ursula Weidenfeld die Aussprache zusammen. „Erstmals sagen alle: wir müssen weiter wachsen, aber wir müssen das Wachstum anders verteilen.“ Dabei seien Fortschritte erkennbar, aber „wir schaffen es noch nicht, im richtigen Tempo nachzudenken.“

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