Mein Kirchentag
Hauptvortrag

Wider die Armut

Was kostet ein Menschenleben und wer ist bereit, für die Rettung zu bezahlen? Ein hochkarätiges Podium aus Politik, Stiftungswesen und Philosophie widmete sich der Frage, wie Armut gelindert werden kann.

von Sylvia Lundschien

Eine gut besuchte Halle erwartete das Quartett aus Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, der US-amerikanischen Philanthropin Melinda Gates, Klaus Seitz, dem Leiter der Abteilung Politik von Brot für die Welt und dem britischen Philosophen William McAskill.

Konsens herrschte bei den Themen Gesundheit und Handel. Gerd Müller zeigte sich als erster Redner zuversichtlich: „Eine Welt ohne Hunger ist möglich – wir müssen sie nur wollen.“ Die Weltbevölkerung verbrauche zu viele Ressourcen, wirtschaftliche Impulse könnten jedoch Armut eindämmen. "Dabei müssen wir unseren Lebensstandard nicht bedeutend verändern." Die Rechnung scheint einfach: Wenn der globale Süden mehr produziert und Menschen dort besser ausbildet werden, sind Güter und Dienstleistungen auch hochwertiger. Reiche kaufen dann mehr von den Armen, so gelänge auch die Umverteilung.

Armutsursachen sind vielfältig - Spenden nicht ohne Widersprüche

Dem widersprach Klaus Seitz, Leiter der Abteilung Politik von Brot für die Welt. Er erinnerte daran, dass das Versprechen, den Hunger in der Welt zu beenden, bereits viele Male von Politikern gegeben und nicht erfüllt wurde: „Es geht nicht um Almosen, sondern um Gerechtigkeit.“ Seitz' zentrale Forderung ist ein steuerfinanziertes System der sozialen Sicherung, sowohl hierzulande als auch in Ländern, die bisher noch auf Hilfen angewiesen sind. Die Verteilung von Reich zu Arm liefe dann nicht nur über Konsum, sondern bedeute, dass der, der mehr hat, auch mehr abgibt. „Armutsbekämpfung ist ohne Reichtumsbeschränkung nicht möglich“, so Seitz. Zudem kritisierte er, dass strukturelle Probleme übersehen würden: Gesundheitliche Maßnahmen, Bildung und Stärkung von Frauenrechten seien zentrale Säulen von Armutsbekämpfung. Zudem könne es nicht sein, dass internationale Unternehmen weiterhin Steuerschlupflöcher nutzten und dass ethische Parameter immer noch nicht verpflichtend seien. Politische Strategien seien oft ebenso widersprüchlich: Das eine Ministerium fördere Kleinbauern, ein anderes verkaufe billiges Milchpulver und Hühnchenfleisch nach Afrika.

Schlüssel zur Armutsbekämpfung: Frauen und Gesundheit fördern

Melinda Gates, Ehefrau von Microsoft-Gründer Bill Gates, leitet mit ihm die Bill and Melinda Gates Foundation, die mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in einer Public-Private-Partnership kooperiert. Gates lobte Deutschland als zweitgrößten Geber im humanitären Bereich nach den USA. Ihre 40 Milliarden schwere Stiftung engagiert sich unter anderem in den Bereichen Gesundheit, Nahrungssicherheit und Hygiene in Ländern wie Botswana und Indien. Die Amerikanerin versteht die Arbeit ihrer Stiftung als „Katalysator“ und betont die Relevanz von Partnerschaften mit lokalen Akteurinnen und Akteuren in den jeweiligen Regionen. Frauen und Mädchen spielen für sie in Finanz-, Familien- und Gesundheitsfragen eine Schlüsselrolle, um den komplexen Ursachen von Armut zu begegnen: „Investiert in Frauen und Mädchen – das wird die Welt verändern!“

Mit Effektivität Gutes tun

Effektive Investitionen sind auch das Thema von William McAskill. Der Philosophie-Professor beschäftigte sich als Student im britischen Oxford mit der Verbindung von Armut, Gerechtigkeit und Umverteilung. Er zog den Schluss, dass Effektivität ein bisher vernachlässigtes Kriterium sei. Die Ideen des von McAskill vertretenen „effektiven Altruismus“ verbindet dabei mathematisch-rationale Prinzipien mit moralischer Notwendigkeit. Beispielsweise solle man eine möglichst lukrative Karriere ansteuern, damit man von seinem Einkommen viel spenden könne. Der gebürtige Glasgower empfiehlt zehn Prozent des eigenen Einkommens als angemessene Spendensumme auf Lebenszeit – er selbst nimmt sich davon nicht aus. McAskill lebt von 20.000 Pfund pro Jahr, alles darüber hinaus spendet er.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Doch die Diskussion verlief nicht ohne blinde Flecken. So wurde viel über Afrika gesprochen, ohne dass auch nur eine Person von diesem Kontinent auf das Podium eingeladen war. Dadurch drängte sich die Frage auf, wie es in den Ländern des globalen Nordens überhaupt zu einer derartigen Konzentration von Reichtum kommen konnte. Überspitzt ließe sich fragen: Spendet der reiche Norden dem ärmeren Süden letztlich nur das, was er ihm zuvor durch Ausbeutung abgepresst hat? Das Publikum kritisierte zudem das widersprüchliche Verhältnis von Rüstungsexporten und Entwicklungshilfe – Müller bestätigte, Deutschland gäbe immer noch zehnmal mehr für Rüstung als für Entwicklungshilfe aus. Seitz kritisierte wiederum McAskill für die zu punktuellen Ansätze seines „effektiven Altruismus“. Denn damit stelle er sehr hohe Erwartungen an die einzelnen Spenderinnen und Spender, nicht aber an Unternehmen. Er plädiere für integrierte Entwicklungsmodelle, die auch kulturelle und regionale Besonderheiten mitdenken.

Die eine Lösung für die Bekämpfung der Not in der Welt präsentierten die Expertinnen und Experten nicht, doch es wurde deutlich: nur mit vereinten Kräften lassen sich die Herausforderungen angehen.

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