Mein Kirchentag
Abraham-Geiger-Preis

Der Zauber von Oz

Nach dem Holocaust wollte Amos Oz Deutschland niemals betreten. Beim Kirchentag erhielt er den Abraham-Geiger-Preis des gleichnamigen Rabbiner-Seminars in Potsdam für seine Verdienste um gesellschaftlichen Pluralismus und Toleranz.

von Steffen Groß

Amos Oz macht seine Dankesrede im Konzertsaal der Hochschule der Künste zu einer doppelten Liebeserklärung: An das Judentum – und an den Diskurs. Juden seien gewiss keine Rasse un des gebe auch kein jüdisches Gen. Sondern: Typisch jüdisch sei die ewige Lust an der Debatte und am Widerspruch. Einst habe er als kleiner Junge seinen Vater gefragt, warum Juden eine Frage immer mit einer Gegenfrage beantworte würden. "Und mein Vater antwortete: Warum nicht?", sagte Oz unter dem Gelächter der Zuhörer. Es ist wohl auch diese zauberhafte Fähigkeit, schwierige Zusammenhänge in kleine Anekdoten zu kleiden und das hohe Lied des Pluralismus mit leichtem Ton zu singen, die den Autor so berühmt gemacht hat – und die ihn zu einem würdigen Träger eines Preises qualifiziert, der die Vielfalt des Judentums, Toleranz und Mut fördern will.

Das Gen des Widerspruchs

"Dieses Gen des Diskurses, des Alles-auf-den-Kopf-Stellens" finde er auch beim Juden Jesus von Nazareth, bei Abraham Geiger, dem liberalen Juden, dessen Name der Preis trägt – "oder bei all den Menschen auf den Straßen Israels, die es alle besser wissen". In Israel gebe es "8,5 Millionen Premierminister, 8,5 Millionen Propheten und 8,5 Millionen 'Messiasse'. Alle schreien ihre Argumente heraus und keiner hört ihnen zu", so die ebenso witzige wie realistische Analyse des Autors. "Du musst was von einem Anarchisten haben, um ein guter Jude zu sein. Du musst bereit sein, alles in Frage zu stellen, jede Wahrheit, an die man sich gewöhnt hat, jeden Glaubenssatz. Autoritäten musst Du in Frage stellen, Lehrer, Eltern, Mentoren, Koryphäen, deine Propheten, Deinen Gott." Es ist nicht zu überhören, dass Oz diese Vielfalt für eine große Stärke hält.

Immer wieder mischt sich Amos Oz scharfzüngig in politische Debatten ein. Schon nach dem Sechstagekrieg hat er die Zweistaatenlösung für Palästinenser und Israelis angeregt und die Friedensbewegung Peace now gegründet. Er diskutiere mit jedem, selbst, wenn dieser Israels Politik noch so stark kritisiert, selbst wenn diese Kritik falsch oder gar abwegig sei. Doch es gebe eine Grenze:

"Wer aber sagt, deshalb sollte es kein Israel mehr geben, dem sage ich: Sie sind kein Partner, mit dem ich streiten kann, Sie sind ein Antisemit, Sie sind ein Feind, ich werde Sie bekämpfen und mich verteidigen." Niemand habe damals gesagt, nach Hitler sollte es kein Deutschland mehr geben, und niemand habe gesagt, nach Stalin sollte es kein Russland mehr geben. "Niemand hat das über irgendein Land gesagt, aber über Israel sagen sie es immer noch. Diese Leute sind meine Feinde, nicht meine Gegner."

Gesegnete Erschöpfung

Trotz aller Rückschläge und Schwierigkeiten hat Amos Oz seine Hoffnung auf Frieden im Heiligen Land nicht verloren, wie er am Ende seiner Rede bekennt. Der Weg, den er dafür sieht, ist wieder einmal typisch für sein Denken – und seinen Humor.

"Viele Konflikte, internationale, regionale, Glaubenskonflikte, Familienkonflikte werden nicht gelöst mit einer Zauberformel, auf dass sich die früheren Feinde unter Tränen umarmen mit einem Dostojewski'schen Ausruf 'O Bruder, ich habe gegen Dich gesündigt, wirst Du mir je vergeben?'. Nein, die meisten Konflikte, sie sterben ab, weil alle erschöpft sind und müde. Gesegnete Erschöpfung! Gesegnete Müdigkeit! Die erste und wichtigste Voraussetzung für Kompromisse." Anzeichen für solche Müdigkeit erkenne er auf beiden Seiten. Und Oz will weiter das Seine dazu tun, gegen den Hass anzuschreiben: "So lange diese Hand einen Stift halten kann und dieser Geist und dieses Herz weiter Geschichten erfinden können, traurige, lustige, zweideutige und komplexe, so lange werden Sie mich hören müssen. Ob Sie zuhören, ist Ihre Sache – aber Sie werden mich hören, wie ich Fragen stelle." Es ist gewiss im Sinne des Autors, darauf zu antworten: "Warum nicht?"

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