Mein Kirchentag
Zentrum Jugend

Zwischen Lagerfeuer und Dichtkunst

Wie engagieren sich muslimische Jugendliche in Deutschland? Eine muslimische Pfadfinderin, ein Poetry-Slammer und ein Islamwissenschaftler räumen mit Vorurteilen auf.

von Ann-Kathrin Jeske

"Warum fängt beim Schach immer der Weiße an?", die Beobachtung des muslimischen Poetry-Slammers Sami El-Ali sitzt. Das Publikum klatscht. Auf der Veranstaltung "Läuft! #muslimischejugend #engagiert #gläubig #cool" steht er gemeinsam mit anderen engagierten jungen Muslimen und Muslimas am Donnerstagnachmittag im Rampenlicht.

"Über Muslime wird in Deutschland sehr viel gesprochen, aber mit Muslimen sehr wenig", erzählt Dennis Kirschbaum vom muslimischen Künsterkollektiv i,Slam. Das Projekt will muslimische Jugendliche auf der Bühne dazu bringen, ihre Stimme zu erheben. Ohne Schimpfwörter und ohne diskriminierende Sprache – das sind die Regeln von i,Slam. Inzwischen slammen 300 Künstlerinnen und Künstler für das Projekt.

Die Maske runterreißen

"Ums Lagerfeuer herum im Zelt, versteht man die kleinen Wunder dieser Welt." Pfadfinderin Safae Cherrati gibt auf dem Evangelischen Kirchentag ihr Debüt als Poetry-Slammerin. "Bei den Pfadfindern kann ich so sein, wie ich bin. In der Schule höre ich ständig Vorurteile: Du bist doch Muslima, wo ist dein Kopftuch? Ich möchte diese Maske runterreißen und zeigen, wer ich wirklich bin", sagt sie.

Die junge Muslima ist nicht in irgendeinem Pfadfinderbund, sondern im Bund Moslemischer Pfadfinderinnen und Pfadfinder Deutschlands (BMPPD). Den Bund gibt es seit 2010. Aktuell zählt er 300 Mitglieder. "Wir sind auch dazu da, um mit Vorurteilen über Muslime in Deutschland aufzuräumen", sagt Safaes Pfadfinderkollegin Vanessa Faizi. Lagerfeuer, Zeltlager, Fährten lesen: Die muslimischen Pfadfinder machen genau das gleiche, wie christliche und nicht-konfessionelle Gruppen. Vom Wölfling bis zur Bundesvorsitzenden engagieren sich alle freiwillig für den Bund.

Das Geld fehlt

Einen entscheidender Unterschied zwischen christlichen und muslimischen Organisationen: Islamischen Vereinen fehlt häufig das Geld um Mitarbeiter einzustellen, weil hinter den Vereinen selten finanziell gut ausgestattete Institution stehen. "Insgesamt gibt es in muslimischen Vereinen und Verbänden wenig hauptamtliche Mitarbeiter", meint Islamwissenschaftler Hussein Hamdan. Er hat die Jugendarbeit von acht muslimischen Vereinen in ganz Deutschland untersucht. Bei den christlichen Organisationen ist die Finanzlage anders, denn die dahinter stehenden Kirchen nehmen Kirchensteuern ein. In den muslimischen Vereinen müssen ehrenamtliche Helfer den Geldmangel durch unbezahlte Arbeit auffangen. "Die ehrenamtlichen Helfer in diesen Vereinen können nicht das gleiche leisten, wie die hauptamtlichen Mitarbeiter in den Kirchen. Ehrenamt hat seine Grenzen", sagt Hamdan.

Wenn christliche Kirchen mit muslimischen Vereinen kooperieren, sei das deshalb wie bei David gegen Goliath. Ein Austausch auf Augenhöhe sei schon aufgrund der unterschiedlichen finanziellen Ausstattung nicht möglich. "Ich frage mich schon, warum gut funktionierenden interreligiösen Projekten nach drei Jahren die Fördermittel gestrichen werden – in einer Stadt wie Düsseldorf, in der es eine große salafistische Szene gibt", sagt der Islamwissenschaftler. Muslimische Vereine sieht er trotzdem in der Pflicht, sich nicht nur auf die Politik zu verlassen und aktiv Jugendarbeit zu betreiben. "Wir wollen mit dem Klischeebild von Muslimen in der Gesellschaft aufräumen und den Vorurteilen ein positives Bild entgegensetzen." Die muslimische Pfadfindergruppe geht mit gutem Beispiel voran.

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