Mein Kirchentag
Streitzeit

'Kritische Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus ist Christenpflicht'

Kann man zugleich Christ und Mitglied in einer Partei wie der rechtspopulistischen AfD sein? Darüber diskutierten Anette Schultner, Vorsitzende der "Christen in der AfD" und Landesbischof Markus Dröge in der Sophienkirche. Im Zentrum: die Themen Angst und Nächstenliebe.

von Marlene Brey und Milena Hassenkamp

Schon das Vorhaben war heftig umstrittten: Würde sich der Kirchentag mit dem Dialog zwischen dem Bischof der gastgebenden Landeskirche und der Vertreterin der Gruppe "Christen in der AfD" nicht zur Plattform dieser Partei machen? Wohl auch aus Neugier, wie und ob eine kritische Auseinandersetzung gelingt, strömten Kirchentagsbesucher in Scharen in die Sophienstraße, viele fanden keinen Einlass mehr. Bis auf einige Zwischenrufe verlief die Diskussion weitgehend sachlich. Noch ehe es richtig losging, stimmten AfD-Gegner in den hinteren Reihen der Kirchen das Lied "We shall overcome" an. Und am Ende wollte ein junger AfD-Gegner ein Manifest von der Kanzel verlesen, stieg aber freiwillig herunter, als das nicht gelang.

Landesbischof Dröge war es offenkundig nicht leicht gefallen, sich auf die Diskussion einzulassen. Er kritisierte etwa, dass seine Aussagen im Vorfeld häufig von der Partei verdreht worden waren. So habe er beispielsweise nie gesagt, dass man als Christ nicht in der AfD sein könne, wie ihm Schultner erneut vorwarf. "Aber es ist Christenpflicht, sich kritisch mit Thesen des Rechtspopulismus auseinanderzusetzen." Im Strategiepapier der AfD sei nichts von einem christlichen Menschenbild nichts zu finden. "Als Christin werden Sie als Feigenblatt missbraucht!", hielt Dröge der AfD-Vertreterin vor.

"Wer nimmt meine Angst vor der AfD und ihren Positionen ernst?"

Man müsse sich als Christ und Christin, so Dröge, die Frage stellen: "Predige ich Angst, ohne Lösungen anzubieten?" Eine menschenverachtende Ausdrucksweise stehe einem Christen nicht gut an. Als Schultner behauptete "Wir schüren keine Angst", kam aus dem Publikum prompt der Zwischenruf "Du bist ein Grund für Angst". Später wurde auf einem Zettel die Frage nach vorne gereicht "Wer nimmt meine Angst vor der AfD und ihren Positionen ernst?"

"Konservative Repräsentationslücke"

Nach zwei Jahrzehnten in der CDU war Anette Schultner ausgetreten, als sie den Konservatismus dort nicht mehr vertreten sah. "Wir haben heute die Situation, dass es so etwas wie eine konservative Repräsentationslücke gibt." Diese Einschätzung bestätigte auch die Publizistin Liane Bednarz. Dennoch müsse man klar benennen, wo die AfD konservative Positionen verlasse und rechtspopulistisches Terrain betrete, sagt sie.

Schultner trat nach dem Bruch mit der CDU in die AfD ein und baute die Partei mit auf. In einer so jungen Partei sei es normal, dass es auch Verwerfungen gebe. So könne sie nicht alle Werte ihrer Partei vertreten und befürworte das Ausschlussverfahren gegen Björn Höcke.

Wie aber, fragt Bettina Warnken, kann man Christin in der AfD sein, in einer Partei, die zum Austritt aus der Kirche aufruft? Schultner dürfte das keine Probleme bereiten, hat sie doch selbst mit der Evangelischen Kirche gebrochen und gehört heute einer Freikirche an. Sie verstehe die Kirche als Gemeinschaft von Gläubigen und damit sei ihre Aufgabe, das Evangelium zu verkünden. Ihre Kernaufgabe sei Mission. Den Kirchentag müsse sie kritisieren, weil er und die Kirche sich angeblich "wahnsinnig viel mit Politik beschäftigen. Und zwar links-politisch."

Dem entgegnete Markus Dröge, dass in gelebtem Glaube immer der Wunsch stecke, zu gestalten. In einer politischen Welt könne er sich daher nicht von der Politik abwenden. "Wie können Sie sagen, dass die EKD zu politisch ist, wenn sie Christin in der AfD sind?!", entgegnete Dröge. "Keine Politik ist, wenn es meine Politik ist, aber wenn es nicht meine Politik ist, dann ist es auf einmal politisch."

Christliche Nächstenliebe in der AfD?

Kernthema der Diskussion war die Frage nach der Interpretation von christlicher Nächstenliebe und dem Umgang mit Zuwanderung und Integration. Während Schultner die Meinung vertrat, man könne nicht jeden auf der Welt lieben wie sich selbst, stellte Landesbischof Dröge klar, dass Christ sein für ihn gerade bedeute, den Fremden und auch den Feind zu lieben. "Die Heimat zu lieben oder seine eigene Religionsgruppe, das tut jeder. Das spezifisch Christliche ist, darüber hinauszugehen und den Fremden zu lieben." Schultner wies hingegen die Auffassung zurück, wonach es zur Verantwortung des Staates gehöre, Flüchtlingen zu helfen. Die Kirche sollte sich an dieser Stelle nicht in die Politik einmischen, sagte sie. Jeder könne ja im Privaten helfen, wenn er das wolle.

Das christliche Menschenbild, so formulierte es Bednarz, sehe den Menschen als Ebenbild Gottes, egal woher er komme. An dieser Kernbotschaft des Evangeliums könne man Parteien messen, die sich als christlich begreifen. Dass jeder Mensch gottgewollt sei, habe noch zu keiner Zeit bedeutet, "dass jemand in ein anderes Land geht und dort einfach macht was er will", entgegnet darauf Schultner. Aus der unteilbaren Menschenwürde lasse sich, behauptete sie, nicht eine Gleichheit der Rechte ableite. Auch die Bibel unterscheide zwischen Fremden.

Dröge wies diese Sicht zurück. Er verstehe nicht, warum die AfD ständig polemisiere, die Kirche würde nicht mehr das eigentlich Christliche vertreten. Jeder Theologe sei auf die Barmer Theologische Erklärung verpflichtet. Sie legt fest, dass Jesus Christus der Maßstab unseren Handelns ist. "Das ist die Grundlage, die sich bewährt hat in einer Zeit, in der versucht wurde, völkisches Denken ideologisch zu begründen. Und offensichtlich befinden wir uns wieder in so einer Zeit."

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