Mein Kirchentag
Bibelarbeit

Singen als Akt des Widerstands und der Emanzipation

Die Aktualität von Marias Lobgesang hob Erzbischof Thabo Makgoba aus Südafrika in seiner Bibelarbeit hervor. "Wir dürfen den Text nicht zu sehr spiritualisieren", forderte Desmond Tutus Nachfolger in Halle 18 des Messezentrums.

von Steffen Groß

In der evangelischen Kirche wird der Lobgesang der Maria traditionell am 4. Advent gelesen – und ist zumindest in Deutschland Teil der vorweihnachtlichen Besinnlichkeit, was niemandem wirklich wehtut. Gegen solche Tendenzen, den Text harmloser zu machen, als er ist, wandte sich Erzbischof Makgoba in seiner Bibelarbeit am Donnerstag. "Singen kann ein Akt des Widerstandes sein!", betonte er und verwies auf die Spirituals der Sklaven im amerikanischen Süden oder die Gesänge der Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche 1989.

"Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen", zitierte der Bischof den Text aus Lukas 1, 39-56. "Wenn wir das als Lied eines palästinensischen Teenagers von heute lesen, wie politisch würde das klingen!" Ebenso könne man sich die schwangere Maria, die in Bethlehem in letzter Minute Zuflucht in einem Stall findet, auch als syrische Flüchtlingsfrau vorstellen.

Wie sehr Lukas die Frauen achtet

Ebenso bemerkenswert sei, wie sehr Lukas die Frauen in seinem Evangelium achtet und schätzt. "Die Männer werden von Gott zum Schweigen gebracht oder sind gar nicht da, der Gott des Lukas hat die besondere Rolle der Frauen für seine Erlösungsgeschichte im Blick." Gerade sie, die in der damaligen Gesellschaft zu schweigen hatten, gäben den Blick frei auf Gottes neue Welt.

Neben seiner politischen Lesart hatte Makgoba aber auch einige Male die Lacher auf seiner Seite. Man möge sich vorstellen, so der Bischof, Maria hätte damals den Erzengel Gabriel abgewiesen, als dieser sie bat, die Mutter Jesu zu werden. Sie hätte den Skandal vermeiden wollen, als unverheiratete Frau Mutter zu werden, und dem Engel beschieden: "Sorry, versuche es eine Tür weiter", und Jesus nicht zur Welt gebracht. Die Folgen, so Makgoba: "Die Welt hätte ein echtes Problem bekommen."

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