Mein Kirchentag
Bibelarbeit

Marias Aufruf zur Revolution

Gott ist nicht so, wie wir uns das oft vorstellen. Gott macht Unmögliches möglich durch Menschen, von denen man es nicht erwartet: Eine Bibelarbeit von Nadia Bolz-Weber.

von Christina Spitzmüller

"Maria ist im Grunde der weibliche Che Guevara des ersten Jahrhunderts, der zur Revolution aufruft", sagte Nadia Bolz-Weber am Donnerstagmorgen bei ihrer Bibelarbeit. Es geht um die Bibelstelle, wo Maria und Elisabeth sich begegnen, beide schwanger, beide in seltsamen Umständen: die eine zu jung zum Kinderkriegen und unverheiratet, die andere zu alt und schon ihr ganzes Leben gezeichnet von der Kinderlosigkeit.

"Aber Gott hat sie einander gegeben", sagt Bolz-Weber, "wie schön, dass sie einander hatten!" Wie schön, dass der Engel zu Maria gesagt habe: "Weißt du was – du bist nicht alleine. Elisabeth hat auch ein seltsames Baby vom Heiligen Geist empfangen. Das ist nicht genau das, was du gerade durchmachst, aber so ähnlich. Auf, verbring Zeit mit ihr!" Und wie gut, dass Maria diese Einladung nicht ausgeschlagen habe. Wie gut, dass sie nicht so etwas gesagt habe wie: "Ach, Elisabeth, die ist ja so alt wie meine Mutter, was soll ich mit der?" Sie sei zu ihr gegangen. Und die beiden Frauen hätten Zeit miteinander und mit Gott verbringen können.

Auseinandersetzung mit dem Magnificat

Als sie sich begegnen, singt Maria das Magnificat. Sie singt von Gottes Gnade und leitet dann über in ein Loblied auf den Umbruch der sozialen Ordnung, der kommen wird. Bolz-Weber liebt diesen Teil des Magnificats. In ihrer Kirche, dem "House for All Sinners and Saints" in Denver, Colorado, wird das Magnificat wie in vielen lutheranischen Gemeinden traditionell zu Abendgebeten und Vespern gesungen. In ihre Kirche kommen viele Menschen, die nicht so ins Bild passen: Abhängige, Arme, Menschen, die Probleme haben. Da passt das Lied vom Umsturz der Welt. Umso erstaunter war sie, das Magnificat in der Liturgie der Kirche ihrer Eltern zu entdecken: eine Vorortskirche, weiße Menschen, obere Mittelklasse, privilegiert.

Doch Bolz-Weber wurde enttäuscht. Nur der erste Teil des Magnificats wurde gesungen, nur das Loblied auf Gott. Dann hörte es auf. Die Mächtigen, die von den Thronen gestürzt werden, die Hungrigen, die Gutes bekommen, die Reichen, die mit leeren Händen weggeschickt werden – kein Wort davon.

"Jesus ist nicht gekommen, um das System umzukehren", sagt Bolz-Weber. Die Unterdrückten werden nicht zu Unterdrückern werden. Stattdessen ist Jesus gekommen, um diese ganze Idee der Unterdrückung zu zerstören. Gott siegt in der Geburt Jesu und in seinem Tod durch verletzbare, bedingungslose Liebe.

"Manchmal fragen wir uns, ob Gott wirklich da ist, wenn wir all das Leiden in unseren Leben und in unserer Welt sehen", sagt Bolz-Weber, und: "Ist das Magnificat wirklich noch singbar?" Aber genau in diesem Leid sei Gott. Gott sei schon immer so gewesen, schon immer so anders als wir uns das vorstellen. Bolz-Weber betont: Die Menschen, die Marias, die diese Wahrheit erkennen, haben die wahre Macht der Welt, die Macht der Zerbrochenheit und der Demut.

Gott schreibt seine Geschichte

Gott schreibe seine Geschichte, nicht unsere. Die ganze Geschichte Gottes sei eigenartig und nicht so, wie wir es erwarten würden. Jesus sei mit Prostituierten unterwegs gewesen, habe mit den falschen, den sündigen Menschen gegessen, er habe den Feind geliebt und sich nicht um Oberflächlichkeiten geschert.

"Aber wir haben das Christentum so keimfrei gemacht", sagt Bolz-Weber: "Im Evangelium geht‘s nicht um Ehrbarkeit und Status und Nett-Sein. Im Evangelium gibt es Lieder, die von schwangeren Teenagern gesungen werden. Lieder, die davon handeln, Tyrannen von ihren Thronen zu stürzen."

Als Maria zu Elisabeth gegangen sei, habe sie keiner beachtet. Keiner habe geahnt, dass sie Christus im Bauch trägt. Vielleicht waren die Menschen so beschäftigt mit ihren Gebeten, dass niemand merkte, dass Gott an ihnen vorbeiläuft, meint Bolz-Weber. Und Gott sei heute noch so. Und wir seien heute noch so. "Wir hasten schnell vorbei und sind genervt von unseren Kindern, die mit uns spielen wollen, von dem Mann an der Straßenecke, dessen Blick ich ausweiche, von der Frau, die mir gerade einen Kaffee gemacht hat – und Maria läuft an uns vorbei und trägt Christus in sich."

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.