Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Andacht-App

Halleluja auf Schienen

Eine Andacht in der S-Bahn? Meditieren im Gewühl? Das geht: Mit einer App des Netzwerks „Junge Ökumene“ kann man zwischen Messe Süd und Alexanderplatz Gottesdienst feiern. Am Donnerstag geht die App online – wir haben sie vorab getestet.

von Steffen Groß, Irene Mallaun, Martin Heppke

Die Sonne knallt auf den Bahnsteig, von der nahen Autobahn dringt das Rauschen des Verkehrs herüber, immer mehr Leute kommen ans Gleis und linsen auf ihre Handys, von hinten rattert die S-Bahn 7 heran – und ausgerechnet hier soll ich gleich andächtig werden?

Skeptisch setze ich mir die Kopfhörer auf, steige ein und starte die App, die das Netzwerk „Junge Ökumene“ des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg extra für den Kirchentag entwickelt hat. „S-Bahn – Halleluja – Amen“ heißt sie und verspricht „gute Gedanken rund um Psalm 139“. Ob das funktioniert?

Der Warnton beim Schließen der Türen kommt fast synchron aus Kopfhörer und Waggonlautsprecher. Dann hüllen mich Gitarrenklänge ein, eine angenehme Stimme liest den 139. Psalm dazu, aber mitten hinein in die aufkommende Stimmung dröhnt die Stimme des Zugführers: „Zurückbleiben, bitte!“ Nicht ganz einfach, in diesem Sound-Wirrwarr zur Ruhe zu kommen …

Am Westkreuz steht die Bahn einen Moment, und das ist erstmal gut so: Musik und Text sickern in meine Gedanken, tragen mich fort – bis wieder der Warnton die Atmosphäre zerreißt. Um einen Ausstieg aus der Wirklichkeit geht es hier also nicht, das funktioniert nicht. Es geht eher darum, neu sehen zu lernen: „Schau dich mal um, nimm die Menschen in der Bahn wahr“, fordert mich die Kopfhörer-Stimme auf, „ist ihr Lebensweg gerade leicht oder schwer?“ Und wirklich: Der müde blickende Mann vor mir in der viel zu warmen grauen Jacke war mir vorher gar nicht aufgefallen. Jetzt sehe ich ihn. Leicht scheint er es wirklich nicht zu haben.

Und spätestens, als die Stimme mich auffordert, einem Menschen eine SMS zu schreiben, den ich so zufällig getroffen habe wie die Menschen jetzt und der mir heute viel bedeutet – spätestens jetzt hat mich die App gepackt. Schnell tippe ich die Nummer meiner Frau ins Smartphone. Sie wird sich über den Gruß aus der Bahn bestimmt freuen.

Vom Dromedar zum Ministerium

Jetzt werde ich aufgefordert, aus dem Fenster zu schauen und Gottes Schöpfung anzusehen. Naja: Die besteht gerade eher aus grauen Häuserfassaden als aus dem Dromedar im Zoo, von der der Sprecher redet. Wir sind wohl etwas verspätet, denke ich – und in dem Moment taucht der Zoo auf und tatsächlich auch ein Dromedar.

Bald darauf ist von den großen Fensterfronten im Regierungsviertel die Rede und von der Transparenz, die sie ausdrücken sollen. Und wirklich: Die S-Bahn spiegelt sich direkt in den Scheiben der Büros des Innenministeriums, die Welt draußen und drinnen verschwimmen – sollte Politik nicht dem wirklichen Leben so nahe sein? Und ist sie es?

Dann taucht der Fernsehturm am Fenster auf, für die DDR-Machthaber ein Symbol für die Überlegenheit des Sozialismus. Was sie nicht bedachten: Auf die Kugel an der Spitze zeichnen die Reflexe der Sonne ein Kreuz und lassen den Turm zu einem Zeichen des Glaubens werden. Diese Ironie der Geschichte berührt mich. Trotzdem fühle ich mich leicht überrumpelt, als die freundliche App-Stimme mich auffordert, zum Abschluss ein Gebet zu schreiben und auf Facebook zu teilen. Gut, ich versuche es: „Guter Gott, mitten im Getriebe der Stadt denke ich an dich …“

Als der Zug im Bahnhof Alexanderplatz einrollt, rappt gerade eine Stimme das Vaterunser. Dann soll ich aussteigen und den Menschen auf dem Bahnsteig ein Lächeln schenken. Mache ich! Und die App werde ich auch nochmal ausprobieren und meinen eigenen Gottesdienst feiern – mit Smartphone und Kopfhörer und mitten im Gewühl.

Die App zur S-Bahn-Andacht geht am Donnerstag um 0.00 Uhr online und funktioniert bis Samstag um 23.59 Uhr.

Zurückbleiben bitte: Die Türen schließen sich, die S-Bahn-Andacht beginnt.

Ein Mutmacher aus Psalm 139: Du bist begabt! Misch dich ein!

Wem möchte ich danken dafür, dass er für mich da ist?

Groß sind die Fensterflächen der Ministerien. Aber die Frage bleibt: Ihr Politiker, seht ihr uns?

Beten für Berlin - nimm dir die Zeit, schreib an uns.

Lächele! Vielleicht schenkst du einem Menschen auf dem Bahnsteig den ersten freundlichen Blick des Tages.

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