Aussagen zum Thementableau

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Eckhard Nagel, ev. Präsident 2. Ökumenischer Kirchentag
"Damit ihr Hoffnung habt" hieß das Leitwort für den 2. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT). Mehr als 130.000 Menschen haben im Mai in München miteinander gefeiert, gesungen und gerungen. Worauf jede und jeder einzelne Hoffnung richtet, "... da wird auch dein Herz sein" – das sagt uns nun die Losung aus der Bergpredigt für den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden. Im nächsten Jahr an der Elbe müssen und werden wir anknüpfen an das, was wir 2010 an der Isar erfahren und erreicht haben.
1. Mit München ist die Ökumene in Deutschland weiter geworden. Es geht nicht mehr nur um das Miteinander von Protestanten und Katholiken im Land der Reformation, sondern um die Gemeinsamkeit aller Konfessionen in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen: Orthodoxe, evangelische Freikirchen, Anglikaner und Altkatholiken, sie alle gehören dazu. Darauf wollen wir nicht mehr verzichten. Dahinter dürfen wir nicht mehr zurück.
Sichtbarer Ausdruck – und ein nachhaltig bleibender Eindruck – war die orthodoxe Vesper, bei der Christen unterschiedlichster Konfessionen an 1000 Tischen gesegnetes Brot in ökumenischer Gemeinschaft geteilt haben. Hier wurde deutlich: Christus selbst ist es, der uns an einen Tisch einlädt und der uns an einem Tisch vereint. Ein Fest und zugleich eine Manifestation einer "Ökumene der Herzen" war diese Vesper – wie auch die Ökumenische Feier an Christi Himmelfahrt: Nicht nur zwei Apfelbäume, nicht nur Katholiken und Protestanten, fanden dort ihren Weg in den "Garten der Schöpfung", sondern siebzehn Bäume wurden gepflanzt, als Hoffnungszeichen, dass künftig Christen in weiter Gemeinschaft jedes Jahr einen "Tag der Schöpfung" feiern.
2. Aus guten Gründen ist die Erneuerung der Kirchen ein immerwährendes Thema von Kirchentagen. Ecclesia semper reformanda, das gilt heute – wieder einmal – mehr denn je. Als ein Zeichen der Reformwilligkeit kann die Zusage gewertet werden, dass sich Rat der EKD und Bischofskonferenz zusammen für eine gemeinsame Abendmahlsfeier in konfessionsverbindenden Ehen einsetzen wollen. Das ist ein wichtiges Ergebnis von München.
Denn auch ohne die Missbrauchsskandale, die das Vertrauen in die Kirchen nachhaltig erschüttert haben, gilt: Die Christenheit wird kleiner in Europa, und viele sind auf der Suche nach Sinn, Orientierung und verlässlichem Halt. Wenn Kirchen Zukunft gewinnen wollen, müssen sie ernsthaft eine „Kultur des Hinsehens“ entwickeln. Um es in meinen Worten als Arzt zu sagen: Wirksame Therapie setzt eine offene, transparente Anamnese voraus, belastbare Untersuchungsergebnisse, eine schlüssige Diagnose – und unter Umständen auch eine schmerzhafte Operation, damit der Organismus geheilt werden kann.
Es gilt aber auch, das andere – das eigentliche – Gesicht von Kirche zu zeigen: Engagierte Menschen, die ihre christlichen Werte im Alltag leben und so eine der größten positiven Kräfte in unserer Gesellschaft bilden. Kirche kann diese umwälzende Kraft sein. Das hat München gezeigt und das wird auch in Dresden im Vordergrund stehen.
3. Christen haben auf dem 2. ÖKT nach ihrer sozialen Verantwortung gefragt: Laut wurde in München der Wunsch nach einem neuen Sozialwort, mit dem die Kirchen sich, wie 1997 schon einmal, an die Seite der Schwachen, Unterstützungsbedürftigen in Deutschland stellen. Auf der Pressekonferenz zum Abschluss des 2. ÖKT haben kirchenleitende Personen angekündigt, darüber sprechen zu wollen. Wir werden darauf achten, dass die Initiative nicht stecken bleibt. Die Zeit drängt. Wir wollen im Juni 2011 in Dresden schon über konkrete Ergebnisse diskutieren.
4. Der Dialog mit den modernen Wissenschaften hat durch die Veranstaltungen in München eine für den Kirchentag neue Qualität erlangt. In einer Zeit, in der der wissenschaftlich-technische Fortschritt rasant voranschreitet, in einer Zeit, in der sich der Deutsche Ethikrat z.B. mit Humanbiobanken beschäftigt oder über Neuro-Enhancement diskutiert wird, müssen wir lernen, innezuhalten. Innezuhalten und gemeinsam zu reflektieren: Wo wollen wir hin? Was ist machbar und was ist ethisch geboten? Christinnen und Christen sind in diesem Dialog zwischen Religion und Wissenschaft gefragt: Für uns gilt es, Glaube und Vernunft nicht gegeneinander auszuspielen, sondern auf eine Weise in Einklang zu bringen, dass daraus eine menschenwürdige Zukunft erwächst. Kirchentage sind dafür eine wichtige Plattform.
Dresden bietet sich mit seiner naturwissenschaftlich-technisch profilierten Universität und seinen vielen wissenschaftlich orientierten Unternehmen geradezu an, diese positive Entwicklung fortzusetzen und auszubauen.
Wir hatten einen Traum für München. Wir wollten die Welt verändern. Und die Welt hat sich verändert. Der 2. Ökumenische Kirchentag hat der Ökumene ein neues Gesicht gegeben.
"Oha" haben manche Kommentatoren daraufhin gemeint. Doch Kirchentage können diesen Anspruch einlösen. In Dresden wird es sich wieder bewahrheiten. In diesem Sinne freue ich mich auf den 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag hier an der Elbe.


