Montag, 21. Mai 2012
Mein Kirchentag

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Schwer- und Höhepunkte

Dr. Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des deutschen Evangelischen Kirchentages

Wo sind die geblieben, die 1989 die Freiheit erkämpft haben? Wer hat die Schätze der Freiheit vergraben? Wo ist das Engagement geblieben, das in Polen, in Tschechien, in Ungarn und anderswo die Demokratie erstritten hat? Die Länder Mittel- und Osteuropas stehen im Mittelpunkt dieses Kirchentages. Wir werden die Mitte Europas nur finden, wenn wir genauso viele Freunde in Prag, Budapest und Warschau haben wie in Paris und London. In einem großen Zentrum der Begegnung wird der Kirchentag 2011 die großen Fragen der Versöhnung von Unrecht und Leid stellen. Osteuropäische Qualifizierte wandern nach Westen, westeuropäisches Kapital wandert nach Osten, die Gewinne wandern zurück. Die Osteuropäer dürfen nicht die Verlierer der Demokratie werden, die sie erkämpft haben.

Die Massenproteste, die den Umbruch in Mitteleuropa herbeigeführt haben, werden hierzulande als politisches Instrument der Bürgerbeteiligung wieder entdeckt. Die „Wutbürger“ möchten nicht nur wütend sein, sondern mitbestimmen und fragen: „Wer steuert Deutschland?“. Die Frage nimmt der Kirchentag in Dresden auf mit einer großen Podienreihe, die Staat, Markt und Gesellschaft abklopft. Im Osten zweifeln viele am Satz: Demokratie – das sind wir alle! Die Proteste von Stuttgart und Gorleben 2010 sind ein Hoffnungssignal für diesen Satz. Wir werden ihn auf dem Kirchentag buchstabieren und die Schätze der Demokratie entdecken.

Religiöse Bürger geben ihre Überzeugung nicht an der Türschwelle ab, wenn sie die Öffentlichkeit betreten. Glauben ist keine Privatsache, sondern enthält das Gebot zur politischen Einmischung. Der Kirchentag selbst ist ein Symbol engagierter Beteiligung an akuter Gesellschaftspolitik. Wir veranstalten den Kirchentag in einem Umfeld, das in der Diktatur gezwungen wurde, säkular zu werden. Dass es Politiker gibt, die das heute als Naturzustand betrachten, grenzt an Geschichtsfälschung. Trotzdem: Die Freiheit des Glaubens und die Verantwortung der Kirche müssen von lebendigen Menschen neu bewiesen werden. Sprachfähige, mutige Christinnen und Christen in einer glaubwürdigen Kirche – das will der Kirchentag öffentlich präsentieren. „Kirche und Demokratie“ – so wird eine Podienreihe mit starkem regionalen Akzent heißen, ein „Lernhaus Deutschland“ werden wir einrichten, und wir werden in vielen Aktivitäten Glauben im säkularen Raum sichtbar werden lassen – durch Kirchenbänke in Parks und an der Elbe, an denen junge Menschen Auskunft geben über ihren Glauben oder durch „Bibelarbeiten auf dem Weg“ an überraschenden Straßenecken – himmlische Schätze des Glaubens in der irdischen Stadt.

Religiöse Bürgerinnen und Bürger sind nicht nur christlich, es sind auch jüdische. Seit 50 Jahren ist der Kirchentag ein Ort des jüdisch-christlichen Gespräches. Das soll in Dresden bedacht und gefeiert werden – in der Synagoge, an öffentlichen Orten und mit einem Gedenkweg am Mittwoch, als erste öffentliche Veranstaltung des Kirchentages, die an die Geschichte der Juden in Dresden und ihre Vernichtung erinnern wird.

Der Kirchentag ist ein Vitaminbonbon, das die Lebenskräfte des Glaubens weckt. Christinnen und Christen aus der ganzen Welt werden die Stärke des Gemeinsamen erleben, die Kraft der Stille auskosten und die Zuständigkeit der Christen für die Gesellschaft lebendig zeigen.

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