Schwer- und Höhepunkte

Katrin Göring-Eckardt, Präsidentin des 33. Deutschen Evangelischen Kirchentages
Nach der eindrucksvollen Resonanz, die unsere Einladung zur Mitgestaltung des Programms im vergangenen Jahr fand, sehen wir einem großen und großartigen Kirchentag vom 1. bis 5. Juni in Dresden entgegen. Noch mehr Gruppen als zu den vergangenen Kirchentagen 2009 in Bremen und 2007 in Köln werden in Dresden aktiv mitwirken. Insgesamt erwarten wir über 100.000 Menschen aus ganz Deutschland und aller Welt. Dass sich nach dem 2. Ökumenischen Kirchentag 2010 in München offensichtlich so viele auf den Weg zum 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag begeben, ist eine gute Nachricht für die Christenheit in Deutschland.
Geleitet sind die Vorbereitungen des Programms von der Kirchentagslosung „… da wird auch dein Herz sein“. Die erste Hälfte dieses Satzes in der Bergpredigt Jesu (Matthäus 6,21) lautet: „Wo dein Schatz ist …“, und es geht dabei um den Unterschied zwischen Schätzen im Himmel und Schätzen auf Erden.
Jetzt, am Beginn des Kirchentagsjahres, zeichnet sich ab, dass vor allem drei Themenschwerpunkte die Diskussionen im Juni prägen könnten:
Erstens: die Schätze der Freiheit – in einer Zeit, da Demokratie und Bürgerbeteiligung in Deutschland neu zur Debatte stehen und unsere Nachbarn in Mittel- und Osteuropa sich fragen, was aus den Befreiungserfahrungen von 1989 geworden ist.
Zweitens: die Schätze des Glaubens – in einer Zeit, in der Interesse an Religion neu erwacht ist und sich zugleich weiterhin Menschen von den christlichen Kirchen abwenden. Die Frage ist ja: Werden 100.000 im Juni eine Woche lang Dresden bevölkern, fremd bleiben und dann wieder weg sein? Oder bleibt etwas zurück, etwas Wesentliches, Besonderes? Weil die, die kommen, andere begeistern und mit der Fröhlichkeit ihres Glaubens angesteckt haben. Weil sie geteilt haben, was sie trägt, und mit-geteilt, was ihnen die Quelle des Lebens ist und Orientierung gibt. Schätze des Glaubens heben bedeutet aus meiner Sicht zweierlei: erstens Selbstvergewisserung; nur wer selbst weiß, was er glaubt und warum, kann Worte finden und Auskunft geben über das, was ihm so wichtig ist. Und zweitens: Christinnen und Christen sollen mit ihrem Glauben nicht bei sich bleiben, sondern hineingehen in die Welt, ins Einkaufzentrum, in die Fußgängerzone, und davon erzählen. Die Basistexte christlichen Glaubens werden den Kirchentag prägen: das Vaterunser, die Seligpreisungen. Darin liegt eine große Chance: sich selbst klar zu werden über das schon oft Gehörte und anknüpfen zu können bei anderen, die glaubensferner sind, aber denen diese Text gerade noch vertraut sind.
Ein dritter Hauptakzent werden die Themen Wirtschaft, Wachstum, Glück sein – also die Bewahrung des Schatzes der Schöpfung. Damit stößt der Kirchentag zum Kern seiner biblischen Losungsbotschaft vor. In Matthäus 6 heißt es in den beiden Versen vor dem Leit-Satz des Dresdner Kirchentages: „(19) Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. (20) Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.“
Auf unsere heutige Situation und Zeit gemünzt: Um jetzt und für die Zukunft verantwortlich zu wirtschaften in der Welt, brauchen wir ein neues Verständnis von Wachstum, das sich an anderen Maßstäben orientiert als dem stetigen Anstieg des Bruttosozialprodukts. Wir erleben gegenwärtig Finanzkrisen, deren Ausmaß nur schwer vorzustellen war und deren Auswirkungen wir kaum voraussehen können. Was ist falsch in einer Wirtschaftsordnung, in der es nicht gelingt, Spekulanten, die Zusammenbrüche heraufbeschworen oder in Kauf genommen haben, in Mithaftung für die Folgen ihres Handelns zu nehmen? Was läuft schief in einem Finanzsystem, in dem die Einen Renditen erzielen, während Andere am Ende das Risiko tragen? Wie können wir künftigen Generationen ein lebenswertes Dasein auf dieser Erde ermöglichen und die natürlichen Ressourcen schonen? Was sind die „wahren Schätze“, an deren Wachstum uns gelegen sein muss?
Antworten darauf werden in Dresden gesucht. Zum Beispiel:
– Die Hauptpodienreihe Globales Wirtschaften diskutiert am Freitag des Kirchentages unter dem Titel „Kaputt wachsen oder gesund schrumpfen?“ über „Wirtschaft ohne Wachstum – geht das?“. Am Samstag werden „Widersprüche im alltäglichen Geldgeschäft“ unter der Überschrift „Mysterium Finanzwirtschaft“ analysiert.
– Im Zentrum Globalisierung und Umwelt wird fast 40 Jahre nach der Studie des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ gefragt: „Ende des Wachstums?“. Ein „Aufbruch in eine solidarische grüne Moderne“ soll angebahnt werden.
– Der britische Handelsminister Stephen Green, ein anglikanischer Theologe, der früher dem Vorstand einer Londoner Großbank angehörte, hält einen der Hauptvorträge im Themenbereich „Welt und Umwelt“.
– „Welche Wirtschaft macht uns glücklich?“ Das untersucht die Hauptpodienreihe Staat – Markt – Gesellschaft: Wer steuert Deutschland? am Kirchentagsfreitag in der Dresdner Frauenkirche.
– Und nicht nur die theologische Hauptpodienreihe stellt je einen Nachmittag unter die Themen „Geld“ und „Glück“, sondern auch das Zentrum Juden und Christen beleuchtet aus jüdischer und christlicher Perspektive: „Macht Geld doch glücklich?“
Dies ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt der Programmangebote. Im Mittelpunkt wird in Dresden immer die Frage stehen: Was ist wirklich wichtig im Leben?
Jetzt ist es Zeit, sich zur Teilnahme am Kirchentag anzumelden. Wer es bis zum 20. März tut, dem und der ist eine Unterbringung durch den Kirchentag garantiert.
Morgen treffen sich hier in Dresden Vertreterinnen und Vertreter der weit über 1000 Mitwirkendengruppen – aus dem „Markt der Möglichkeiten“ sowie mit Angeboten von Musik, Theater, Kleinkunst und Gottesdiensten. Ihr Treffen wird einen lebendigen Eindruck davon geben und einen Vorgeschmack darauf vermitteln, was Sie und uns alle Anfang Juni in über 2500 Veranstaltungen und vielfältigsten Begegnungen erwartet.


