Montag, 21. Mai 2012
Mein Kirchentag

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Vom Tahir-Platz zum Kirchentag

Noha, Nihad und Bahaa mit Reinhard Höppner (l.)

Im Januar haben Noha, Nihad und Bahaa in Kairo demonstriert, jetzt sind sie in Dresden.

Die Sonne ist hinter den Elbwiesen versunken, als Noha und Nihad am Ufer entlang Richtung Innenstadt laufen. Tausende Menschen haben sich am Fluss versammelt und ihre Kerzen angezündet. Von weitem sieht es so aus, als würden die Sterne an diesem Abend nicht am Himmel, sondern mitten in Dresden leuchten. Als sich die Chorstimmen langsam am Ufer ausbreiten, blicken die beiden Frauen einfach still auf die Lichter und den Fluss.

Noha Fahmy und Nihad Fares kommen aus Kairo und besuchen zum ersten Mal einen Kirchentag. Sie haben langes, lockiges Haar, sie tragen Jeans, sind um die dreißig – und sie gehören zu den wenigen Protestanten in ihrem Land. Deswegen ist der Besuch in Dresden für die beiden besonders bewegend. „Es fühlt sich einfach gut an, hier viele Christen kennen zu lernen“, sagt Noha.

In ganz Ägypten leben schätzungsweise sieben Millionen Kopten, so heißen alle Christen dort. Sie machen rund acht Prozent der Bevölkerung aus. Die meisten von ihnen sind  orientalisch-orthodox. Die anderen Kirchen sind deutlich kleiner. „Innerhalb der Minderheit sind wir wiederum die Minderheit“, sagt Nihad.

Etwas früher am Abend sitzen Noha und Nihad in einem Café im Internationalen Congress-Centrum. Bahaa Gamil Ghobrial, ein Bekannter der beiden, ist auch da. Im Januar haben sie zusammen mit muslimischen Landsleuten auf dem Tahir-Platz für mehr Freiheit demonstriert. In Dresden möchten sie nun von ihren Erfahrungen erzählen. Am kommenden Samstag werden sie um 15 Uhr auf der Veranstaltung „Alles wird sich ändern!? Die Zukunft der europäisch-arabischen Beziehungen“ im ICC sprechen.

Mit technischen Tricks gegen die Blockade

Als die Demonstrationen in Kairo anfingen, war Bahaa von Anfang an dabei. Ohne Internet-Dienste wie Facebook, Twitter und Youtube, erzählt er, hätten niemals so viele Leute in so kurzer Zeit mobilisiert und koordiniert werden können. Bahaa ist Journalist und IT-Spezialist. Und als die Regierung die für sie wichtigen Internet-Seiten sperrte, suchte er zusammen mit seinen Mitstreitern nach technischen Lösungen, um sie wieder zugänglich zu machen, mit Erfolg.

Noha und Nihad hatten so ihre Zweifel, als die Demonstranten den Tahir-Platz besetzten. „Würde das überhaupt zu etwas führen? Und sollen wir uns da einbringen?“, fragten sie sich. Doch als die Regierung den Mobilfunk abschaltete und Häftlinge aus den Gefängnissen entließ und zu Plünderungen anstachelte, demonstrierten auch sie und blieben, bis Hosni Mubarak zurücktrat.

„Ich hatte nie das Gefühl, dass Politik mich etwas angehen würde“, sagt Noha. So lange sie denken kann, war Mubarak Präsident, Politiker galten grundsätzlich als korrupt. Die eigene Meinung zu sagen wagte niemand, jederzeit hätte man verhaftet werden können. Nun haben die jungen Leute das Unterdrückungsregime besiegt: „Die Ägypter haben sich ihr Land zurückerobert“, erklärt Nihad.

Noha und Nihad sagen, ökonomisch gesehen hätten sie die Revolution am wenigsten von allen Ägyptern gebraucht. Sie gehörten schon vor den Protesten zur Elite ihres Landes, sie kommen aus wohlhabenden Verhältnissen und haben an der American University in Kairo studiert: die eine Marketing, die andere Finanzen, der dritte Publizistik. Nach dem Examen fanden sie Jobs und haben seitdem immer gut verdient. Durch die Revolution hat sich aber in ihnen etwas verändert: „Wir haben das Gefühl, jetzt Verantwortung für unsere Heimat zu übernehmen“, sagt Nihad.

Die Leidenschaft, für etwas zu stehen

Vom Kirchentag haben sie von Andreas Zaki erfahren. Der Direktor der Koptischen Diakonie in Kairo fährt seit Jahren zu den Veranstaltungen nach Deutschland. Als er Noha, Nihad und Bahaa vom Motto „…da wird auch Dein Herz sein“ berichtete, wollten auch sie nach Dresden kommen. „Wir haben gerade eine Leidenschaft entdeckt, etwas, wofür wir stehen“, sagen sie, „und wir hatten den Eindruck, um gerade solche Herzensangelegenheiten soll es in Dresden gehen“.

Nun sind sie auf die Gespräche gespannt. Begeistert sind sie schon jetzt von der Offenheit, die sie hier beobachtet haben. Bei einer Führung durch die Frauenkirche haben sie erlebt, wie sich ein Brite und ein Deutscher über die Bombardierungen von Coventry und Dresden unterhielten und Mitgefühl aussprachen. Diesen Geist der Versöhnung möchten Nihad, Noha und Bahaa vom Kirchentag mit nach Ägypten nehmen.