Die Gebets-Maschine

Vom äußeren Anschein erwartet der Besucher Passfotos. Stattdessen bekommt er Gebete. Der „Gebetomat“ im Verkehrsmuseum liefert 300 Gebete in 65 Sprachen.
Für Anne Schröter gehört das Gebet so selbstverständlich zum Tagesablauf wie das Zähneputzen. Jeden Abend betet die 15 Jahre alte Schülerin aus Görlitz, sagt sie: „Ich will meine Beziehung zu Gott erhalten, ihm danke sagen.“ Auch vor dem Essen spricht sie immer ein Tischgebet. Allein sechs fallen ihr auf Anhieb ein, die sie auswendig kann, von „Komm Herr Jesus“ über „Segne Vater diese Speise“ bis zu „Alles was wir haben“: „Aber eigentlich sind es mehr, und oft bete ich auch frei und denke mir Neues aus.“
Wer so textsicher beten kann wie Anne Schröter, braucht keinen zusätzlichen spirituellen Kick für das Gespräch mit Gott. Für alle anderen gibt es auf diesem Kirchentag den Gebetomaten. Er steht in der Pilgerherberge im Verkehrsmuseum: Eine enge rote Kabine, die aussieht wie ein Passfoto-Automat – doch wer drinnen sitzt, bekommt keine Porträtfotos ausgespuckt, sondern hört Gebete aus aller Welt, bis zu 300 Stück in 65 Sprachen.
Und das geht so: Sobald der Gebetswillige den blauen Monitor vor ihm berührt, begrüßt ihn eine tiefe Frauenstimme, die so angenehm klingt, als sei sie für das Navigationsgerät eines Mittelklassewagens gecastet worden: „Willkommen. Sie haben nun die Möglichkeit, das passende Gebet zu wählen.“
Schon erscheinen verschiedene Kategorien: Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam, Judentum – die Qual der Wahl. Wer „Christentum“ antippt, hört noch immer nichts – der Bildschirm zeigt: Evangelisch, Katholisch, Nichttrinitarier, Taizé, Plattdeutsch und mehr. Unter „evangelisch“ hat man schon wieder die Wahl zwischen Adventisten, Baptisten, Lutheranern. Wem bis hierher die Puste noch nicht ausgegangen ist, dem offenbart der Gebetomat nun zwölf Gebete zur Auswahl, etwa „Der Herr ist mein Hirte“, „Seele Christi“ und „Herr mache mich zu Deinem Werkzeug“. Hat man sich für einen der Vorschläge entschieden, geht es endlich los: Eine sonore Männerstimme spricht mit dramatischem Unterton die frommen Worte.
Christa Duesberg braucht derartiges nicht. Die 62 Jahre alte Kirchenvorsteherin aus Wolfenbüttel betet völlig ohne Maschinen: „Ich spreche mit Gott, bete auch für andere und erhalte dadurch neue Kraft.“ Gerade nach Schicksalsschlägen habe ihr das sehr geholfen. Auch Cornelia Torrez, 58 Jahre alt, betet bisher ohne den Gebetomaten. Auf dem Kirchentag hat sie mit ihrer Gruppe in einer Grundschule Quartier gefunden. „Es wäre schön, abends noch einmal in der ‚Heimatgemeinde’ zusammen zu beten, aber die nächste Kirche ist leider zu weit weg von unserer Unterkunft“, sagt sie. Und auch Nils Kaiser braucht keinen Gebetomaten. Der 48 Jahre alte Kirchentagsbesucher betet am liebsten in der freien Natur. „Gott“, sagt er, „begegnet man ohnehin am besten im Zwischenmenschlichen.“


