Montag, 21. Mai 2012
Mein Kirchentag

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Auf dem Schiff zum Kirchentag

Pilgern zum Kirchentag hat Tradition und in einer Stadt am Fluss wie Dresden bietet sich Pilgern per Schiff geradezu an. Mechthild Herzog hat die Pilgerschifffahrt von Wittenberg nach Dresden mitgemacht und Ihre Erfahrungen an Bord dokumentiert.

Montag, 30. Mai

Pilgern kann kaum schöner sein. Seit heute Morgen ist eine kleine
Pilgergruppe auf der Elbe unterwegs, ausgelaufen in Wittenberg. Und seit heute Morgen hat die Gruppe nichts so wenig gesehen wie Wolken, nichts so wenig gehört wie Lärm, nichts so wenig gefühlt wie Stress.

Gutes Essen, süße Melodien von zwei Musikerinnen und romantische Elbauen könnten das Gefühl geben, es handle sich hier gar nicht um eine Pilgerreise, erst recht, da sie bisher so vollkommen anstrengungslos verläuft. Doch von unbeteiligtem Dahinschippern kann keine Rede sein.

Schon vor Betreten der „MS Wittenberg“ der erste Schock: Direkt vor Wittenberg ist ein Kreuzfahrtschiff auf Grund gelaufen und liegt dort seit zwei ohne Aussicht auf eine baldige Bergung. Direkt auf diese Nachricht folgte aber die Entwarnung: Das Kreuzfahrtschiff liegt in Richtung Magdeburg. Der Weg nach Dresden ist also frei.

„Steig in das Traumboot der Liebe“ - so luden Franziska Weiß und Ishlar Smolny vom Duo Klaster Royall auf Deck ein. Durch ihre Lieder ziehen sich Gedanken rund um Herz, Schifffahrten und Schätze. Sie sind für die weltliche Interpretation des Kirchentagsmottos „... da wird auch dein Herz sein“ verantwortlich – zwischen Mahlzeiten, Andacht und Bibelgespräch lassen sie traurige Weisen und lustige Seemannslieder erklingen.

Die beiden Berlinerinnen haben zwar schon einmal auf einem Kirchentag ein Konzert gegeben, sind sonst aber nicht enger mit der Kirche verbunden. Entsprechend gehen sie an das Motto heran: „Das sind für mich ganz normale Emotionen, das tägliche Wirrwarr“, assoziiert Franziska Weiß. Ihr Herzblut fließt an vielen Orten, sagt sie – ganz besonders in die Musik. Da braucht es vollen Einsatz, das ist ihrer beider Schatz.

Darauf werden sie ihr Publikum heute Abend noch einmal einen Blick werfen lassen. Auf dem Torgauer Marktplatz geben sie ein Konzert, das neben den bereits bekannten Herz- und Wasserliedern auch ein wenig Kirchenkritik beinhalten wird. Mit heiteren Tönen werden die Pilger dann in die erste Nacht ihrer Pilgerreise entlassen.

Dienstag, 31. Mai

Vor den strahlend blauen Himmel hat sich eine dicke Wolkendecke geschoben. Klaster Royall hat die fröhlichen Seemannslieder gegen melancholische chinesische Musik getauscht. Die erste Reiseaufregung ist verflogen, auf der „MS Wittensee“ ist es ruhig geworden.

Dabei begann der Morgen so strahlend, wie der gestrige Abend ausgelaufen war, und mindestens ebenso warm. Nach einer Stadtführung durch Torgau zeichnete sich dann aber schon deutlich ab: Dieser Tag würde beschaulicher werden. Mit einer halben Stunde voller Mendelssohn, Bach und Co. auf der Stadtorgel entließ das kleine Städtchen am Elbufer die Pilger, die nun Riesa entgegen fahren. Stand gestern die eher weltliche, allgemeine Interpretation der Kirchentagslosung im Mittelpunkt, treffen sich viele Gespräche heute auf übertragenen Ebenen. Nicht selten auf philosophischen.

Annette Hildebrandt, die die Pilgerschifffahrt mit ihrem Mann Lothar Tautz vorbereitet hat, wird in Riesa zwei eigene Bücher vorstellen. „Liebe Regine“ erinnert an die vor zehn Jahren verstorbene Brandenburger Politikerin Regine Hildebrandt, die Zeit ihres Lebens bekennende Christin war.

Der Roman „Abrahams Töchter“ sucht die Gemeinsamkeiten von Juden, Arabern und Christen. Beide Werke, besonders freilich die Geschichte der politischen Christin in der DDR, stellen die Freiheit des Menschen in Frage. „Freiheit“ ist zugleich Thema des Jahres 2011 innerhalb der Lutherdekade, die in Deutschland von 2007 bis 2017 begangen wird.
Autorin Annette Hildebrandt gibt einen Fragebogen herum, der dem Buch „Liebe Regine“ entnommen ist. Darauf: Wie frei war der Bürger in der DDR, wie frei ist er in der BRD – in der freien Berufswahl, Meinungskundgebung, seiner Religiosität und seinem Kunstverständnis; selbst nach der Freiheit zur Kriminalität oder zur Nacktkultur wird gefragt. Klar, dass bei einer Altersspanne unter den Passagieren von sicherlich 50 Jahren manche Diskussion aufkommt.

Ein Blitz schlägt ein, leise tönt Donner zum Schiff herüber. Jeden Moment können die ersten Tropfen fallen – ein Gewitter ist angesagt. Auf dem Oberdeck hat die Crew alle Planen geschlossen. Der Wind zerrt an allem, wessen er habhaft werden kann. Die Pilger singen Kirchentagslieder, nur manchmal trifft ein beunruhigter Blick das ebenso unruhige Wasser. Doch vierstimmige Chorsätze geben Vertrauen, umso mehr, je lauter sie über die Elbwellen schallen. Und die Zuversicht bleibt: Heute Abend warten in Riesa ein gutes Abendessen und ein warmes Bett.

Mittwoch, 1. Juni

Die Spannung steigt: An den Fenstern der „MS Wittenberg“ sind schon die ersten Radebeuler Schlösschen vorbei gezogen, Dresden scheint zum Greifen nahe. Aber bei sieben Kilometern pro Stunde wird es wohl noch ein Weilchen dauern, bis auch Dresdens Altstadt in Sicht kommt. Der Tag begann mit Regen. Pünktlich neun Uhr legte das Schiff ab zur letzten Etappe Richtung Kirchentag. Im Schlepptau: ein weiteres Schiff mit Pilgern aus Anhalt. Gemeinsam werden sie in Dresden an Land gehen.

Den Vormittag füllte Dr. Ernst Paul Dörfler vom BUND. In einem eineinhalbstündigen Vortrag brachte er den Passagieren seine Liebe zur Elbe nahe, mit ihren Pflanzen, Tieren und ihren – noch – recht natürlichen Auen. Jede zweite Vogelart, die es in Europa gibt – so erklärte Dörfler – sei an der Elbe zu finden, vom kleinen Eisvogel bis zum majestätischen Seeadler. Sogar er schlug indirekt eine Brücke zur Kirchentagslosung: Vor 15 Jahren sei eine bis dahin völlig unbekannte Pflanze entdeckt worden, das Elbeliebesgras. Nur, wenn im Sommer der Wasserstand niedrig sei, wachse es auf den freigelegten Flächen des Flussbettes. Seine Halme zeigen nicht nach oben, sondern zur Seite, als hätte dort schon jemand gesessen. Oder gelegen – daher der Name. Dörflers Vortrag beschränkte sich freilich nicht nur auf Beschreibung und Bebilderung der schönen Elbflora und -fauna. Sein Anliegen ist schon seit Jahren, zu verhindern, dass dieser Lebensraum zerstört, dieser Fluss eingedämmt wird. Mit Argumenten und Aktionen bemüht er sich, Politiker und Bürger davon zu überzeugen, wie wertvoll und schützenswert die Elbe mit ihren Auen ist.

Nun setzt Franziska Weiß noch einmal die Bratsche ans Kinn, Ishlar Smolny greift noch einmal in die Tasten. Das letzte Stück Kuchen wird serviert, der letzte Kaffee getrunken. Und dann gilt es, die Taschen zu packen, die Schuhe zu schnüren und nach einer wunderbar ruhigen, besinnlichen Pilgerfahrt den Fuß auf Dresdner Boden zu setzen: Jetzt ist Kirchentag. Für die 30 Pilger geht eine Reise zu Ende und eine neue beginnt.