"Ick find’ Jesus zum Küssen"

Die Augen zwischen den schwarz geschminkten Liedern rollen, sie schneidet Grimassen, und schwenkt die Arme wie eine indische Gottheit: Nina Hagen, angekündigt als „die Punk- Ikone Deutschlands“, gibt wie immer die Wilde. Aber statt spiritueller Vielfalt hat sie nur noch eine Botschaft: Jesus. Seit sie sich zum Christentum bekehrt hat, gibt Nina Hagen dem Typus der christlichen Sängerin ein neues Gesicht.
Wie sich Nina Hagen Gott vorstellt
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Es ist dunkler geworden und der Stadion-Rasen voller, als Nina Hagen im Rudolf-Harbig-Stadion die Bühne betritt. „Just Gospel“ und der Kirchentags-Chor haben das Publikum bereits in beste Laune versetzt. Fast alle Besucher haben orangefarbene Tücher von „Brot für die Welt“ um Kopf oder Arme gewickelt. „Nina, Nina“ schreien die Fans vor der Bühne. „Seid gegrüßt, liebe Geschwister, im Namen unseres Herrn Jesus“, kommt es von ihr zurück.
Wie Freunde und Fans auf Nina Hagens Glauben reagieren
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Und dann singt sie vom „persönlichen Jesus“ mit einer Stimme wie vom Grund der Hölle gekratzt. Sie spielt die Lieder ihres aktuellen Albums und bedient sich munter bei den Gospels und Protestliedern der Weltgeschichte: Bertolt Brecht („Brüderchen Brecht“), Elvis Presley, Wolf Biermann („Brüderchen Wolf“). Zwischendrin ruft sie den israelischen Friedensaktivist Reuven Moskovitz auf die Bühne: „Shalömchen!“ Der Friedenspreisträger spielt Mundharmonika und Nina Hagen singt „Hava Nagila“ und steckt Tausende zum Volkstanz an. „Wir wollen Frieden für alle“, sagt sie. „All your fascists bound to lose“: Ihr Faschisten seid zum Scheitern verdammt. Auf ihrem T-Shirt steht „Jesus - Highway to heaven“. Der durchsichtige Bühnenaufbau wölbt sich über ihr wie eine überdimensionale Trockenhaube. Manchmal ist sie ganz in rotes Licht getaucht, dann leuchtet es um sie in reinem Blau. Ihre Stimme wandert von albernen hohen Tönen zu einem tiefen Soul.
Wo für Nina Hagen das Zentrum ihres Lebens liegt.
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An den Rändern des Stadions essen einige Leute scheinbar teilnahmslos noch Würstchen. Direkt vor der Bühne probieren die Begeisterten, welche Tanzstile zu dieser Musik passen. „Richtig geil abgehen könne“ das, sagt Peter aus Stuttgart. Er trägt einen Ring am Daumen und einen lila Herrenhut, ist damit aber wesentlich auffälliger als die anderen Besucher. Carsten Koppehl ist mit seiner kleinen Tochter da. Nina Hagens Musik kennt er „von früher“, jetzt wollte er mal hören, wie sie klingt, nachdem sie christlich geworden ist. Marco, von der Dresdner Band Coloured Rain, hat darauf schon eine Antwort: „Ehrlich“.
Text: Friederike Lübke
Interview: Juliane Funkel


