Friedliche Revolution für den Klimaschutz

Die Klimakonferenz in Kopenhagen brachte nicht die Ergebnisse, die viele erhofft hatten. Doch der Kampf gegen den Klimawandel ist nicht allein mit internationalen Abkommen zu gewinnen. Im Interview erklärt Kirchentagspräsidentin Katrin-Göring Eckardt, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen, um Gottes Schöpfung zu bewahren.


Welche Vereinbarung hatten Sie vom Klimagipfel in Kopenhagen erhofft? Und inwieweit sind Sie mit den tatsächlichen Ergebnissen zufrieden?

Ich habe mir von Kopenhagen neben konkreten Zahlen für Minderungsziele und Hilfen für Entwicklungsländer vor allem erhofft, dass wir jetzt endlich so weit sind, einen neuen Ethos zu entwickeln, dass wir verstanden haben, dass Klimaschutz kein Umweltthema, sondern ein globales Gerechtigkeitsthema ist. Nüchtern betrachtet sind wir vom Ergebnis her offensichtlich noch nicht an diesem Punkt. Kopenhagen bietet nicht einmal den erhofften Minimalkonsens, sondern eher einen Maximaldissens. Das heißt aber nicht, dass jetzt der Kopf in den Sand gesteckt wird. Der Druck zum Handeln wird größer, das zeigen die Zahlen, das zeigt aber auch die große kritische Öffentlichkeit in Kopenhagen und weltweit und die eindrücklichen Worte von Seiten vieler besonders vom Klimawandel betroffener Staaten. Deswegen gilt "jetzt erst recht" statt Resignation.

 

Stetiges Wachstum wird als Grundlage unserer Wirtschaftsordnung begriffen. Wachstum bedeutete bisher aber auch immer höhere CO2-Emissionen. Wie kann dieses Dilemma in Zukunft gelöst werden?

Unser Wachstumsbegriff ist überholt. Ein Denken, dass sich immer noch am Massenausstoß von Gütern orientiert, bildet weder eine sich verändernde Gesellschaft und ihre Bedürfnisse ab, noch kann es Grundlage für eine klimagerechte Weltgesellschaft sein. In den reichen Ländern ist der Umbau von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft schon in vollem Gange und in den ärmeren Staaten müssen wir uns glaubhaft dafür engagieren, dass dort nicht die Wirtschaftsstrukturen übernommen werden, von denen wir uns gerade lösen wollen.

 

Kohlendioxid-Gerechtigkeit würde bedeuten, jeder Mensch auf der Welt dürfte nur zwei Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr verursachen, wenn die Klimaziele erreicht werden sollen. Zurzeit verursacht der Durchschnittsdeutsche rund elf Tonnen und der Durchschnittsamerikaner 19 Tonnen. Was würde eine so eine Reduktion für die Industrienationen bedeuten?

Die Zahlen sprechen doch für sich. Niemand würde ernsthaft behaupten, dass das Lebensniveau in Deutschland drastisch tiefer sei als in den USA – trotz vergleichsweise niedrigerer CO2-Emissionen. Der ökologische Umbau kommt, jetzt können wir ihn noch gestalten. In ein paar Jahren sind wir nur noch die Getriebenen, die für Folgekosten des Klimawandels ungleich höhere Summen aufwenden müssen.

 

Von den Auswirkungen des Klimawandels ist vor allem die Lebensgrundlage von Milliarden von Menschen in den Entwicklungsländern bedroht. Mit Recht fordern deshalb Umweltaktivisten Unterstützung für diese Länder. Wie könnten diese aussehen?

Die Zahlen dazu liegen auf dem Tisch. Entwicklungshilfeorganisationen schätzen, dass bis 2020 durch die reichen Länder jährlich 110 Milliarden Euro für Entwicklungs- und Schwellenländer bereitgestellt werden müssen. 70 Milliarden davon entfallen auf eine klimafreundliche Entwicklung, 40 Milliarden jetzt schon auf die Kosten der Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Denn leider sind wir schon soweit, dass wir nicht nur über Klimaschutz, sondern immer stärker auch über Anpassung reden müssen. Es sollte sich von selbst verstehen, dass diese Beträge nicht aus dem Budget für Entwicklungszusammenarbeit kommen dürfen und dort dann für andere Maßnahmen fehlen.

 

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) fordert, dass die EU ihren CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 verringert. Das kann nur funktionieren, wenn sich im Bewusstsein eines jeden einzelnen Europäers etwas ändert. Wie können die Kirchen dazu beitragen, dass dies geschieht?

Als Christinnen und Christen ist uns seit jeher aufgetragen, Gottes gute Schöpfung zu schützen und zu bewahren. Diese Haltung können wir vermitteln, vor allem indem wir bei uns selbst mit dem Bewusstseinswandel und Veränderungen anfangen. Die Kirche muss ihrer Verantwortung gerecht werden. Allein die Küchen von evangelischen Krankenhäusern, Pflegeheimen und Bildungshäusern beispielsweise kaufen im Jahr Lebensmittel für etwa eine halbe Milliarde Euro ein. Würde diese Summe für Biofaire-Produkte ausgegeben, wäre das ein immenser Beitrag für nachhaltige Landwirtschaft und fairen Handel.

 

Der Kirchentag arbeitet seit Jahren daran, seiner Klimaverantwortung gerecht zu werden: Wie sieht der Kirchentag 2021 aus, wenn die durch ihn verursachten Emissionen um 40 Prozent reduziert worden sind?

Dem Kirchentag ist es gelungen, seit 2005 seine erfassbaren CO2-Emmissionen um fast 40 Prozent zu reduzieren. Damit hat er gezeigt, dass es geht! Aber das genügt uns noch nicht. Wir wollen, dass die tausenden Kirchentagsbesucherinnen und -besucher die Idee einer friedlichen Revolution für den Klimaschutz mitnehmen und weitertragen in ihren Alltag und in die Gemeinden. Wir sind 25 Millionen Protestantinnen und Protestanten in Deutschland. Das können 25 Millionen Entscheidungen jeden Tags sein für mehr Klimaschutz. Während des Kirchentages arbeiten wir daran, bei der Verpflegung den Teilnehmenden noch mehr biologische Lebensmittel aus der Region anzubieten. Wir ermutigen und beraten die Aussteller auf dem Markt der Möglichkeiten, wie sie sich und ihre Arbeit ressourcenschonend präsentieren können. Und neben der Großveranstaltung Kirchentag können wir in der täglichen Arbeit in den Kirchentagsbüros noch besser werden: durch weniger Strom- und Papierverbrauch zum Beispiel und durch bewusste Entscheidung für ökologische Lebensmittel.