„Der Himmel geht über allen auf“
Reinhard Groscurth kommt seit 60 Jahren zum Kirchentag und ist kein bisschen müde: Immer wieder neu werden Menschen mit dem Kirchentagsvirus infiziert. Sogar, wenn sie aus Jordanien stammen und katholisch sind.
1949 hat es bei Reinhard Groscurth gefunkt. Beim ersten Kirchentag in Hannover war er als Student dabei. Reinold von Thadden-Trieglaff, der Gründungsvater des Kirchentags sprach damals zu den Studenten, Groscurth war begeistert: „Thadden glühte vor innerer Überzeugung und hatte eine Vision!“ Seine Vision: Die Laien sollen in der Kirche mitreden, die Christen den Wiederaufbau gestalten und junge Leute in der Kirche aktiv werden.
Als Theologie-Student und später als Pfarrer im Ruhrgebiet wurde Groscurth in der Ökumene aktiv. Kirchentage, sagt er, behandelten schon immer aktuelle Themen, waren immer eine „Zeitansage“. Der 80-Jährige arbeitete viele Jahre im Internationalen Zentrum des Kirchentages. Besonders das Jahr 1961 ist ihm eindrücklich in Erinnerung geblieben. Drei Wochen vor dem Bau der Mauer spürte er beim Kirchentag in Berlin „die Angst der Menschen vor dem drohenden Eingesperrt sein“. 1973 in Düsseldorf sei dann „Saure-Gurken-Zeit“ gewesen. Die Besucherzahl lag bei nur 8.000 Dauergästen.
Besucherinnen und Besucher
Reinhard Groscurth, 80 Jahre: „Ich bin Bremer. Seit 1949 besuche ich den Kirchentag. Das erste Mal ist er in meiner Heimatstadt. Für mich schließt sich ein Kreis.“
Florian Rogalinski, 27 Jahre: „Mit der Flussschifferkirche bin ich von Verden nach Bremen gekommen. Das war stark: In einer schwimmenden Kirche mit Glockengeläut beim Kirchentag ankommen!“
Christel Baßfeld, 73 Jahre: „1985 war ich als Helferin beim Kirchentag in Düsseldorf. Die Menschen zu erleben war das Schöne. Ihnen zu helfen hat mir ein gutes Gefühl gegeben.“
Nele Heihaus, 12 Jahre: „Ich bin hier wegen der Musik. Heute Abend gehe ich auf das Konzert von Stefanie Heinzmann!“
Luisa Fischer, 12 Jahre: „Vor zwei Jahren war ich schon in Köln. Ich freue mich auf den Gottesdienst für Mädchen.“
Christiane Poersch, 35 Jahre: „Gemeinsam beten, sich helfen und viele Facetten den Glaubens erleben. Das ist für mich das Wunderbare auf dem Kirchentag!“
Martin Langnickel, 44 Jahre: „Viele Spitzenpolitiker kommen. Da wird man als Christ in der Öffentlichkeit wahrgenommen, das finde ich gut.“
Katharina Neyer und Olivera Kantar: „Die Stimmung in der Stadt ist faszinierend. Man kann Kirchentag atmen.“
Reinhard Groscurth empfindet die hohen Besucherzahlen der letzten Jahre als Belohnung. Genauso wie den ausgewählten Ort: Bremen – seine Heimatstadt. „Für mich schließt sich ein Kreis. Es ist wie eine Art Ernte.“
Immer wieder tolle neue Lieder
Das Neue auf den Kirchentagen seien Laola-Wellen und die vielen Imbissbuden, sagt Christel Baßfeld. Sie kommt seit München 1959 auf den Kirchentag. Konstant geblieben sei die große Hilfsbereitschaft der Leute. Baßfeld hat 1985 in Düsseldorf im Ruhebereich für Ältere geholfen. Ein Ort, wo Ältere verschnaufen, die Füße hochlegen und kurz entspannen können. „Die Menschen dort zu erleben war das Schöne. Es hat mir ein gutes Gefühl gegeben, anderen Menschen zu helfen.“
Dieses Jahr ist sie mit ihrem Chor aus Dinslaken angereist. „Der Kirchentag bringt immer tolle neue Lieder hervor, darauf freue ich mich auch dieses Jahr!“ Besonders gerne mag sie „Der Himmel geht über allen auf“. Das Lied wurde 1985 in Düsseldorf zum großen Kirchentags-Hit. Auch das diesjährige Motto - „Mensch, wo bist du? – gefällt ihr. „Das kann man super im Kanon singen!“
Schrubben für die Generalsekretärin
Florian Rogalinski, 27 Jahre alt, Referendar aus Köln, wurde 2001 in Frankfurt mit dem Kirchentagsvirus infiziert. Damals war er einfach nur Besucher. Heute ist er als Helfer jeden Tag woanders im Einsatz. Angereist ist er auf ganz besondere Weise: an Bord der Flussschifferkirche. Dort hat er am Mittwochmorgen für den Besuch der Generalsekretärin des Kirchentags, Ellen Ueberschaer, das Deck geschrubbt. „Mit Glockengeläut auf einer Kirche auf dem Wasser beim Kirchentag ankommen. Das ist stark“, sagt Rogalinski. Soweit es die Arbeit als Helfer erlaubt, will er vor allem Open Air-Konzerte und Kabarett-Aufführungen besuchen. Seine Erfahrungen auf den Kirchentagen haben ihm gezeigt: „Kleine Veranstaltungen sind meistens am besten.“
Mitgeschleppt
Samih El-Masri kommt aus Jordanien, ist Katholik und ließ sich 1993 von seiner deutschen Frau zum Kirchentag schleppen. Seit 1995 hilft er beim Kirchentag. In Hamburg 1995 meldete er sich als Helfer für das Podium Palästina. Prompt bekam er einen Job als Übersetzer für die palästinensische Sozialministerin. Eine Herausforderung für Masri: Die Ministerin hielt spontan eine Rede, die er genauso spontan vom Arabischen ins Deutsche übersetzen musste. Sein erster Anlaufpunkt auf Kirchentagen sind immer das Internationale Zentrum sowie Foren und Diskussionen zum Israel-Palästina-Konflikt. Im Laufe der Zeit habe die Bedeutung des Zentrums zugenommen: „Meine Frau führt eine Statistik. Da sieht man, die ausländischen Gäste werden mehr.“ Der Kirchentag ist für ihn ein Ort der Begegnung. „In Deutschland ist es sonst nicht so einfach, Menschen zu treffen.“

