Nicht nur Nostalgie - 60 Jahre Kirchentag

Bei der Geburtstagsfeier erzählen die alten Kämpen

„Wir klopfen uns nicht selbst auf die Schulter“, versprach Generalsekretärin Ellen Ueberschär zur „Geburtstagsfeier für einen Störenfried“ am Donnerstagabend in Halle 6. „Wir wollen feiern, dass eine Veranstaltung in dieser Freiheit und in dieser Größte seit 60 Jahren möglich ist.“ Der Kirchentag spiegele den Geist einer Gesellschaft der Würde und der Freiheit wider, er sei das öffentliche Gesicht des Protestantismus.

Geklopft wurde dann aber doch. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, von tosendem Beifall begrüßt, plauderte mit dem DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer über den Regionalkirchentag 1983 in Wittenberg („Schwerter zu Pflugscharen“), bis man den Eindruck gewann, die Kirchentagsbewegung habe die DDR fast im Alleingang abgeschafft.

Als es in der DDR brodelte

Schorlemmer erinnerte daran, wie er seinerzeit („eine Ungeheuerlichkeit“) den Abbau der sowjetischen SS-20-Raketen forderte. Weizsäcker, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, kam auf seine Rede („ein unvergleichlich einmaliges Erlebnis“) auf dem Wittenberger Marktplatz zu sprechen. Der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt Reinhard Höppner fügte hinzu: „Während der Teilung waren die Kirchentage in Ost- und Westdeutschland ein Ausdruck der Einheit.“

Höppner rief anschließend mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, der damals im Kirchentagspräsidium saß, die Erinnerung an den Berliner Kirchentag 1989 wach, wenige Monate vor dem Fall der Mauer. „Damals brodelte es in der DDR“, sagte Höppner. Huber erwähnte seinen Amtsvorvorgänger Kurt Scharf, der 1975 das Jahr der Einheit exakt vorhergesagt habe.

Keine Kirche ohne Laien

Zuvor hatte Rudolf von Thadden die 1949 von seinem Vater Reinold von Thadden-Trieglaff verfasste Gründungserklärung eines „alljährlichen Christentreffens“ verlesen. Im Dialog mit dem polnischen Publizisten Adam Krzeminski skizzierte er dessen Leitmotiv „Keine Kirche ohne Laien.“ Die Anti-Apartheitsaktivistinnen Ursula Trautwein und Marie Dilger erzählten, wie sie die Idee vom Boykott südafrikanischer Früchte in den Kirchentag brachten. „Das wurde anfangs nicht gern gesehen“, klagte Trautwein, konnte aber stolz verkünden, wie sie und ihre Mitstreiterinnen den Kirchentag veranlassten, Konten bei Banken zu kündigen, die mit Südafrika Geschäfte machten.
Neue Ideen vom Störenfried

Von ähnlichen Widerständen wusste der Theologe Peter Cornehl zu berichten, der die „Liturgische Nacht“ entwickelt hat, die 1973 in Düsseldorf noch misstrauisch beäugt worden, inzwischen mit dem Feierabendmahl vom Kirchentag nicht mehr wegzudenken sei. Cornehl rief dazu auf, im gesellschaftlichen „Störenfried Kirchentag“ auch selbst immer wieder als Störenfried neue Ideen einzubringen. „Je größer der Widerstand, desto besser ist die Idee“.

Widerstände sprachen auch die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann und Friedrich Kronenberg an, der ehemalige Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Hoffnungen auf ein gemeinsames Abendmahl beim Ökumenischen Kirchentag nächstes Jahr in München erteilten sie eine Absage. „Unsere Einladung an alle Christen gilt, aber ich respektiere diejenigen, für die sie zu früh kommt“, erklärte Käßmann. Deutlicher wurde Kronenberg: „Man kann nicht erwarten, dass das einfach praktiziert und dann auch noch abgesegnet wird.“

„Lu-kas Po-dols-ki“

Und wie geht es weiter mit den Kirchentagen? „Ich bin erstaunt, wir unzornig wir mittlerweile sind“, sagte die Frankfurter Pfarrerin Ulrike Trautwein, Tochter von Ursula Trautwein. Themen gebe es genug, vom Klimawandel bis zur Weltwirtschaftskrise. Höppners Tochter Myriam hofft ebenfalls auf Zorn, der vom Kirchentag „in konstruktive Bahnen“ gelenkt werden möge.
Als Störenfried des Abends unterband das Kölner Kirchenkabarett „Klüngelbeutel“ jeden Versuch einer selbstgefälligen Nabelschau.

1.500 Teilnehmer in der vollbesetzten Messehalle skandierten auf Anweisung ihres „protestantischen Fan-Coachs“ zu rhythmischem Klatschen begeistert und lautstark „Lu-kas Po-dols-ki“, anschließend „Ma-ar-got Käß-mann“. Die Bischöfin errötete zunächst, brach dann in schallendes Gelächter aus. Und auch die Gruppe von Fritz Baltruweit, die die Feier musikalisch gestaltete, bekam ihr Fett weg. In ihrer „Sakropop-Kochschule“ rührten die Kabarettisten eine „Heiliggeist-Sülze“ an. Wichtigste Zutat: „Sprachnebel – stets frisch bei jedem Pfarrer erhältlich“. Mit eingängigen Melodien werden dann „all die Klippen umschifft, an denen der Verstand sonst Schiffbruch erleidet“.

 

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